Wolkenschloss

In "Wolkenschloss" erzählt Kerstin Gier die Geschichte von Fanny, die als Kindermädchen in einem Luxushotel arbeitet. Lesen Sie hier einen Auszug aus diesem Roman.

Neuer Lesestoff für den November

Die exklusive LAVIVA-Leseprobe entführt Sie diesmal in ein Luxushotel. Doch was nach Entspannung und Genuss klingt, wird für die Hauptfigur Fanny, die dort u. a. als Kindermädchen eingestellt ist, zur echten Herausforderung. Das neue Buch "Wolkenschloss" der deutschen Bestseller-Autorin Kerstin Gier nimmt jede Leserin gefangen – mit einer Mischung aus Spannung, Liebe und Humor. Für Sie ein Vorgeschmack!

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Hier stand ich also völlig erschöpft im Schnee, während vom Ballsaal Violinenklänge zu uns hinüberwehten. Um meinen Hals trug ich einen Diamanten von fünfunddreißig Karat, der mir nicht gehörte, und in meinen Armen hielt ich ein schlafendes Kleinkind, das mir ebenfalls nicht gehörte.

Irgendwo unterwegs hatte ich einen Schuh verloren.

Es heißt immer, dass man in Notlagen vor lauter Adrenalin weder Schmerz noch Kälte spürt, aber das stimmt nicht. Die Wunde an meiner Schulter pochte wie verrückt, das Blut lief den Arm hinab und tropfte in den Schnee, die Kälte biss schmerzhaft in meinen Fuß. Meine Arm- und Schultermuskeln brannten vom Tragen des Kindes, aber ich wagte nicht, es noch einmal umzubetten, weil es sonst aufwachen und unseren Verfolgern verraten könnte, wo wir uns befanden.

Es heißt auch immer, dass der Verstand in Augenblicken höchster Gefahr am besten arbeitet und einem glasklare Einsichten schenkt. Aber das war bei mir ebenso wenig der Fall. Ich wusste nicht mehr, wer gut und wer böse war. Und die einzige glasklare Einsicht, die ich gerade vorweisen konnte, war, dass Schalldämpfer an Pistolen wirklich den Schall dämpften.

Und dass es ganz sicher bessere Momente für einen Kuss gab als diesen.

Ich hatte keine Ahnung, ob der Junge, der ihn mir gab, zu den Guten oder zu den Bösen gehörte, trotzdem spürte ich, wie meine Kräfte noch einmal zurückkehrten.

"Das wollte ich schon tun, seit ich dich das erste Mal gesehen habe", flüsterte er.

 

Bienvenue. Welcome. Benvenuto

Herzlich Willkommen im WOLKENSCHLOSS

Genießen Sie Ihren Aufenthalt.

 

Mein erster Tag als Kindermädchen drohte, ein totaler Reinfall zu werden.

"Du bist ganz bestimmt das schlechteste Kindermädchen der Welt, Fanny Funke", meinte auch Don, als ich hektisch an ihm vorbeilief und dabei "Jungs! Das ist nicht komisch! Kommt doch bitte wieder her!" rief.

"Ja, bitte, bitte, bitte!", äffte Don mich nach. "Sonst werde ich nämlich gefeuert."

Möglich war das. Und dabei hatte ich nur eine Minute nicht aufgepasst. Zu meiner Verteidigung: Es geht schneller, als man denkt, Kinder im Schnee aus den Augen zu verlieren, wenn sie sich absichtlich wegschleichen und dabei weiße Anoraks, weiße Schneehosen und weiße Mützen tragen. Derartige Kleidung gehörte doch per Gesetz verboten. Weit konnten sie nicht gekommen sein, bergauf war die glitzernde Schneedecke unberührt. Es gab hier auf der Westseite des Hotels allerdings im engeren Umkreis reichlich Verstecke für winzig kleine, schlaue Kinder in Tarnkleidung, sie konnten nicht nur hinter diversen Schneehaufen abgetaucht sein, auch vereinzelt stehende Bäume, Brennholzstapel und Mauervorsprünge boten perfekte Tarnung.

Ich kniff die Augen zusammen, um gegen das Licht anzublinzeln. Für den Abend und über die Weihnachtsfeiertage hatte der Wetterbericht neuen Schneefall angekündigt, aber noch war der Himmel leuchtend blau, und der Schnee funkelte mit den Fenstern und den kupfergedeckten Turm-, Türmchen- und Gaubendächern um die Wette. Unten im Tal hing dagegen schon seit gestern Morgen dichter Nebel. Wetterlagen wie dieser verdankte das Hotel seinen Kosenamen Wolkenschloss.

"Ungewöhnlich still, nicht wahr?" Don Burkhardt junior erinnerte mich daran, dass jetzt keine Zeit war, die Schönheit der Schweizer Berglandschaft zu bewundern. "Nicht, dass die lieben Kleinen schon erfroren sind ..."

Don saß auf dem großen Schlitten, mit dem das Feuerholz zum Kellereingang gezogen wurde, baumelte mit den Beinen und leckte an einem Eis in der Waffel, das er sich persönlich in der Küche besorgt haben musste. Das Feuerholz hatte er vor dem "Willkommen im Château Janvier"-Schild einfach in den Schnee gekippt.

Das Eis brachte mich auf eine Idee. "Hey, Jungs! Wollt ihr vielleicht ein leckeres Eis essen?", rief ich.

Aber es blieb mucksmäuschenstill.

Don kicherte vergnügt. "Du hättest dich nicht durch diesen tschechischen Saisonarbeiter von deinen Pflichten ablenken lassen sollen, Fanny Funke."

"Heb du lieber das Holz auf, wenn du keinen Ärger bekommen willst", sagte ich.

Obwohl Don für seine neun Jahre klein und eher schmächtig war und mit seinem Stupsnäschen und den seelenvollen, braunen Augen entzückend harmlos aussah, fürchtete ich mich insgeheim vor ihm. Nichts von dem, was er von sich gab, klang je auch nur ansatzweise altersgemäß, und das war doppelt irritierend, weil er so eine helle Kinderstimme hatte, einen niedlichen Schweizer Akzent und dazu leicht lispelte, und zwar ebenfalls auf die niedliche Art. Seine seltsame Angewohnheit, Menschen grundsätzlich mit Vor- und Nachnamen anzusprechen, manchmal noch ergänzt durch Ortsangaben, Eigenschaftswörter oder das Alter - "Du hast da eine Laufmasche in der Strumpfhose, Fanny Funke, siebzehn Jahre, aus Achim bei Bremen" -, hatte etwas seltsam Bedrohliches an sich, so wie in einem Mafia-Film, wenn jemand "Ich weiß, wo du wohnst", raunte, um einem dann bei Gelegenheit einen Pferdekopf vor die Tür zu legen. Wenn man Glück hatte.

Don und seine Eltern waren Stammgäste im Hotel, und Don kannte sich hier bestens aus. Den ganzen Tag pflegte er durch das Haus zu stromern, Gespräche zu belauschen und Unheil zu stiften, und dabei benahm er sich, als würde das Hotel mitsamt den Menschen darin ihm gehören. Egal ob Gast oder Personal - Don wusste auf geradezu unheimliche Art und Weise über alles und jeden Bescheid. Selbst wenn er verbotenerweise die Personalakten studiert hatte, wovon ich ausging, war es gruselig, dass er sich das alles bis ins Detail merken konnte. Lastenaufzüge, Büros oder Keller - Don lungerte bevorzugt dort herum, wo Gäste keinen Zutritt hatten, und weil er so klein und süß war, hatte es selten Konsequenzen. Wen er mit seinem unschuldigen Rehblick nicht bezirzen konnte, den schüchterte er ein, indem er ihn beim vollen Namen nannte und wie nebenbei auf seinen schwerreichen Vater, Don Burkhardt senior, und dessen freundschaftliche Beziehungen zu einem der beiden Montfort-Brüder verwies, denen das Hotel gehörte. Jedenfalls machte er das mit mir so. Und auch wenn ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen, so zeigten seine Mafia-Methoden doch irgendwie Wirkung. Vorgestern erst hatte ich ihn dabei erwischt, wie er seine schokoladenverschmierten Hände an den bestickten Samtportieren im kleinen Vestibül im zweiten Stock abgewischt hatte, ganz bewusst und bedächtig. Meine Empörung darüber hatte er mit einem überlegenen Lächeln quittiert. "Oh, Schulabbrecherin Fanny Funke aus Achim bei Bremen hat offenbar ein Faible für scheußliche Vorhänge!"

Das hatte mich erst recht empört: Alle Vorhänge und Kissen im gesamten Stockwerk waren aus demselben Stoff genäht, wunderschön, tiefrot, bestickt mit Vögeln und Blumenranken in mattem Gold. Man musste kein Fachmann sein, um zu erkennen, wie kostbar sie waren, auch wenn das Rot im Laufe der Jahre vielleicht ein wenig verblasst war. Wenn man vorsichtig mit den Fingern über den Samt strich, dann war es fast so, als würde der Samt einen zurückstreicheln.

"Und überhaupt: Ist es nicht deine Aufgabe, hier alles sauber zu halten, Aushilfszimmermädchen Fanny Funke mit den komischen Sommersprossen?", hatte Don gefragt. Vorgestern war ich nämlich noch nicht der Kinderbetreuung, sondern dem Housekeeping zugeteilt gewesen. "Was glaubst du eigentlich, wie viel Geld mein Vater jedes Jahr in diesem Hotel lässt? Und was glaubst du, wen sie hier eher rausschmeißen - dich oder mich? An deiner Stelle wäre ich froh, dass es sich nur um Schokolade handelt, und würde mal ganz schnell versuchen, die Flecken rauszukriegen, bevor Fräulein Müller dir wieder die Leviten liest." (Woher kannte er nur solche Ausdrücke? Nicht mal meine Oma sprach so.)

"Und an deiner Stelle würde ich mal ganz schnell abhauen, bevor ich dir mit dem Staubwedel den Hintern verhaue!", hatte ich zwar erwidert, aber Don war grinsend davongeschlendert, wohl wissend, dass er gewonnen hatte. Vor Fräulein Müller, der Hausdame, fürchtete ich mich nämlich noch mehr als vor ihm. Und während ich den Schokoladenfleck aus den Samtportieren bürstete, hatte ich tatsächlich ein wenig Dankbarkeit darüber empfunden, dass es sich nur um Schokolade handelte.

"Wenn hier einer Ärger bekommt, dann bist du das", sagte Don jetzt und leckte an seinem Eis. "Du hast mit Jaromir Novak, achtunddreißig, Schnurrbartträger, geflirtet, anstatt auf die Kinder aufzupassen. Das kann ich bezeugen."

"Ich habe nicht geflirtet", stellte ich sofort richtig. "Ich habe Jaromir nur schnell geholfen, diese Lichterkette zu entwirren. Was durchaus zu meinen Aufgabenbereichen gehört." Ich war ja nicht ausschließlich Kindermädchen, laut Stellenbeschreibung war die Praktikantin im Hotel "Mädchen für alles" und "stets flexibel einsetzbar".

Don schüttelte den Kopf. "Du hast gelächelt, dir eine Haarsträhne hinters Ohr gestrichen und deine Kehle präsentiert - das alles sind körpersprachliche Merkmale weiblichen Balzverhaltens."

"Unsinn!", sagte ich aufgebracht. "Jaromir ist viel zu alt für mich und hat in Tschechien Frau und Kinder, die er sehr liebt." Und selbst wenn er zwanzig Jahre jünger und Single gewesen wäre, hätte ich niemals mit ihm geflirtet. Ich flirtete grundsätzlich nicht. Ich fand allein schon das Wort "flirten" fürchterlich. "Im Übri..." Ich brach ab. Dons Gesichtsausdruck verriet deutlich, wie sehr er sich darüber freute, dass ich mich so vehement verteidigte. Es bewies ihm einmal mehr, wie ernst ich ihn nahm. Dabei war das bestimmt das Letzte, das ich ihm vermitteln wollte.

"Also, was ist jetzt? Hast du die Zwillinge gesehen oder nicht?", fragte ich barsch.

Sofort änderte Don seine Taktik. "Ich weiß sogar, wo sie sich versteckt haben." Er bedachte mich mit einem zutraulichen Augenaufschlag, um den selbst Bambi ihn beneidet hätte. "Ich verrate es dir, wenn du lieb bitte, bitte sagst."

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"Bitte", sagte ich wider besseres Wissen.

"Zweimal bitte!", verlangte Don.

"Bitte, bitte", sagte ich zähneknirschend.

Don lachte erfreut auf. "Ich verrate dir jetzt mal, warum du so ein schlechtes Kindermädchen bist: Du strahlst einfach keine natürliche Autorität aus. Kinder spüren so was."

"Und ich verrate dir jetzt mal, warum du keine Freunde hast: Du strahlst einfach keine natürliche Nettigkeit aus." Es war schon aus mir herausgesprudelt, bevor ich merkte, wie gemein es eigentlich war. Beschämt biss ich mir auf die Lippe. Ich musste wirklich das schlechteste Kindermädchen der Welt sein, wenn ich es erstens schaffte, zwei fliegengewichtige Sechsjährige zu verlieren, nur weil ich mich einmal kurz umgedreht hatte, und zweitens das dringende Bedürfnis verspürte, Bambi höchstpersönlich fertigzumachen. Dabei hatte ich den Praktikumsplatz im Hotel vermutlich überhaupt nur bekommen, weil ich meine Erfahrung im Umgang mit meinen zwei kleinen Brüdern ins Feld geführt und so den Eindruck erweckt hatte, besonders patent und kinderlieb zu sein.

"Aua!" Um ein Haar wäre es Don gelungen, mir von seinem Schlitten aus ein Bein zu stellen, aber ich schaffte es, ohne zu fallen, an ihm vorbei. Von wegen kinderlieb! Kinder waren die Pest. Aber es half ja nichts: Zwei davon musste ich jetzt wieder einfangen. Und das dritte würde ich von nun an einfach ignorieren.

"Jungs! Hallo!" Ich versuchte, meine Stimme freundlich und nicht gestresst klingen zu lassen, so, als würden wir einfach nur Verstecken spielen. Nichts rührte sich. Dabei hatten sie vorhin nicht eine Sekunde die Klappe halten können und ununterbrochen in albernen Reimen gesprochen. Wenn mir doch wenigstens ihre blöden Vornamen wieder einfielen! Es war irgendwas Möchtegern-Englisch-Hippes wie ... "Josh, Ashley? Wo seid ihr? Wollt ihr den Schneemann denn nicht zu Ende bauen? Ich hab extra eine schöne Karotte für die Nase besorgt."

Don kicherte wieder. "Nicht mal ihre Namen kennst du, Versager-Fanny. Dein Rüebli kannst du dir sonstwohin schieben. Gib einfach auf!"

Ich tat so, als hörte ich ihn gar nicht. Auf keinen Fall würde ich jetzt aufgeben. In den letzten drei Monaten hatte ich mich schon ganz anderen Herausforderungen gestellt. Und so übel, wie es auf den ersten Blick aussah, lief es hier eigentlich gar nicht. Mein Job war es, die Bauer-Zwillinge (Laramy? Jason?) an der frischen Luft zu bespaßen, während ihre Eltern im Hotel in Ruhe ihre Sachen packen und auschecken konnten, und wenn man es genau nahm, tat ich ja gerade nichts anderes: Diese verdammten Kinder hatten bestimmt einen Heidenspaß, weil es ihnen gelungen war, abzuhauen und sich zu verstecken. An der frischen Luft.

"Schon mal was von Verletzung der Aufsichtspflicht gehört, zukünftige Expraktikantin Fanny Funke?" Don leckte an seinem Eis. "Ich hoffe, du bist gut versichert. An deiner Stelle würde ich beten, dass die beiden nicht in eine Gletscherspalte fallen. Wenn es gleich anfängt zu schneien, können die Suchhunde nicht mal mehr eine Spur aufnehmen."

Ich widerstand dem Drang, meine Finger in die Ohren zu stecken. Dieses Kind musste der Teufel persönlich sein. Hier gab es meines Wissens gar keine Gletscherspalten, aber ich hörte selber, dass meine Stimme jetzt schrill und ängstlich klang. "Wollt ihr vielleicht zum Abschied noch ein Eichhörnchen streicheln?"

"Darauf fallen die nicht rein." Don schnippte sein nur halbgegessenes Waffelhörnchen in den Schnee. "Ach, aber ich will mal nicht so sein. Sie sind in die Richtung gerannt." Er zeigte zur neuen Schlittschuhbahn hinüber, die der alte Stucky und Jaromir in den letzten Tagen neben dem antiken Kinderkarussell gezaubert hatten. "Ich glaube, sie wollen sich im Skikeller verstecken."

Ganz blöd war ich ja nicht. Anstatt seinem ausgestreckten Zeigefinger zu folgen, stapfte ich entschlossen in die entgegengesetzte Richtung. Und richtig, kaum war ich ein paar Meter gegangen, hörte ich unterdrücktes Kichern und sah einen Zweig der riesigen Halbmondtanne wackeln, in die Jaromir und der alte Stucky in einer waghalsigen Kletterpartie im November Lichterketten gewickelt hatten. Das heißt, Jaromir war geklettert, der alte Stucky hatte die Leiter gehalten. Den Namen Halbmondtanne hatte der Baum, weil die Lichter nur in den dem Hotel zugewandten Ästen verteilt worden waren. Es waren dieselben Lichterketten wie schon vor dreißig Jahren, hatte man mir gesagt, aber da Bäume in dreißig Jahren nun mal wachsen und Lichterketten nicht, reichten sie jetzt nur noch für eine Baumhälfte. Abends strahlte und funkelte deshalb die eine Seite der Tanne mit den Fenstern des Hotels um die Wette, während die zum Tal gewandte Seite dunkel und still mit dem Nachthimmel verschmolz, wie der Mond. Die Halbmondtanne markierte zugleich die Grenze zwischen den gepflegten und beleuchteten Grünflächen und der sich selbst überlassenen Natur. Was aber jetzt, wo alles unter einer dicken Schneedecke lag, ohnehin keine Rolle spielte.

Der Baum war wirklich das perfekte Versteck, wenn man nur einen Meter zwanzig groß war. Die Zweige fächerten sich dicht und ausladend bis über den Boden, darunter war es vermutlich weich und trocken, ein Bett aus Moos und Tannennadeln, das der Schnee bisher nicht erreichen konnte.

Um die Kinder nicht aufzuscheuchen, ging ich nicht direkt auf sie zu, sondern näherte mich in einem unauffälligen Bogen. "Diese superschlauen Bauer-Zwillinge können sich wirklich verdammt gut verstecken", sagte ich in Bühnenlautstärke. "Zu dumm, dass ich sie nicht finden und ihnen die riesengroße Überraschung zeigen kann, die ich für sie habe. Und die hat nicht nur mit Eichhörnchen zu tun ..."

Getuschel unter der Tanne. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Aber die Freude währte nicht lange.

"Lasst euch nicht verarschen, Jayden und Ash Bauer aus Limburg an der Lahn!", rief Don direkt hinter mir. Er hatte seinen Platz auf dem Holzschlitten verlassen, um mir das Leben weiterhin schwerzumachen. "Sie hat gar keine Überraschung für euch. Und schon gar kein Eichhörnchen! Sie will euch nur einfangen, und dann müsst ihr mit euren Eltern nach Hause fahren, und der Spaß ist vorbei! Haut lieber ab!"

"Jayden und Ash sind so schlau, dass sie niemals auf den doofen Don hören würden", sagte ich hoffnungsvoll, aber da krabbelten die Kinder schon unter der Tanne hervor und rannten johlend und lachend über den Parkplatz. Don klatschte Beifall. Mir blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls loszurennen. Leider liefen meine Schützlinge nämlich in die falsche Richtung, weg vom Hotel hinunter zur Straße. Geschickt sprangen sie über die vom Räumfahrzeug gebildete Barriere aus schmutzigem Schnee und Eis, überquerten die Fahrbahn und kletterten an der gegenüberliegenden Straßenseite erneut über eine Schneewand.

"Nicht! Das ist gefährlich!", rief ich, während ich hinter ihnen herkraxelte. Es war tatsächlich gefährlich. Die Straße war zwar wenig befahren, weil sie hier oben am Hotel endete, aber sie schlängelte sich wie ein glänzendes, schwarzes Band in abenteuerlichen Serpentinen bis hinab ins Tal und war für sich genommen schon ziemlich steil. Noch viel steiler war der mit Fichten bewachsene Hang, an dem sie sich hochschraubte und den die Kinder nun unter lautem Lachen hinabzuschliddern begannen. Wie kleine schlaue Äffchen hielten sie sich dabei an den tiefhängenden Ästen fest und hangelten sich blitzschnell bergab. Im Gegensatz zu den beiden trug mich die mehrfach angetaute und wieder gefrorene Schneedecke nicht, krachend sank ich bei jedem Schritt mindestens bis zum Knie ein, es war, als ob ich versuchte, über die Karamellkruste einer riesigen, schräg stehenden Schüssel Crème brûlée zu laufen.

"Bleibt stehen", rief ich verzweifelt. "Bitte!"

"Bitte, Schnitte, Lilaritte, Lilarike, rake, Mitte!", grölten die Zwillinge fröhlich. Don hatte recht. Ich strahlte absolut keine Autorität aus.

Die Kinder enterten bereits die nächste Serpentine und kletterten erneut über die Fahrbahn.

"Ihr solltet jetzt wirklich stehenbleiben!" Hastig zog ich meinen Fuß aus einem besonders tiefen Schneeloch und versuchte es mit größeren Schritten. "Hier gibt es ... Bären!"

"Bären, Schären, Lilamären, Lilarike, rake, huch ..." Einer der beiden war hingefallen, rutschte auf seinem Hinterteil mit Schwung gegen den nächsten Baum und lachte sich dabei fast kaputt. Sein Bruder fand das so lustig, dass er sich ebenfalls hinsetzte und versuchte, die Strecke auf seinem Hintern zurückzulegen.

"Macht das nicht!", schrie ich alarmiert, denn ich sah sie schon ungebremst den steilen Hang hinabsausen, bis sie sich entweder das Genick an einem Baumstamm brachen oder auf der Straße von einem Auto erfasst werden würden. Ich bildete mir ein, bereits ein Motorengeräusch zu hören, und verdoppelte meine Anstrengungen vorwärtszukommen. Dabei verlor ich selber das Gleichgewicht, landete mit dem Bauch im Schnee und verwandelte mich unmittelbar in einen menschlichen Bobschlitten. Die Gewichtsumverteilung und die glatte Oberfläche meines Mantels sorgten dafür, dass ich nun auf der Schneedecke bergab schoss, und weder meine vorgestreckten Arme noch mein Gebrüll - etwas Einfallsloses wie "Naaaaaaaaaaaaiiiiiiin!" - konnten mich stoppen. Ich sauste an den Zwillingen vorbei, mit Schwung über den nächsten Schneewall und landete direkt auf der Fahrbahn. Das alles ging so schnell, dass nicht mal mein Leben in bunten Bildern an mir vorüberziehen konnte.

Die Kinder flogen ebenfalls ungebremst über den Wall und plumpsten auf mich drauf. Ihrem ausgelassenen Lachen nach zu urteilen, hatten sie sich nicht weh getan. Bei mir war ich da nicht so sicher. Aber ehe ich überprüfen konnte, ob ich überhaupt noch lebte, hörte ich Bremsen kreischen. Und kurz darauf eine aufgebrachte Stimme: "Habt ihr den Verstand verloren? Ich hätte euch beinahe überfahren!"

Ich schob eins der Zwillingsbeine aus meinem Gesicht und versuchte, meinen Kopf zu heben. Nur wenig mehr als einen Meter von uns entfernt befand sich die Stoßstange eines Autos. Es war ein dunkelgrüner Kleinwagen mit Züricher Kennzeichen. Die Tür war weit aufgerissen, und der Fahrer, ein Junge nicht viel älter als ich, stand direkt vor uns. Er sah zu Tode erschrocken aus, was ich absolut verstehen konnte.

Vor lauter Schreck begann ich, nachträglich mit den Zähnen zu klappern. Das war wirklich verdammt knapp gewesen.

"Ist jemand verletzt?", fragte der Junge.

Ich rappelte mich auf und war überrascht, dass das funktionierte. Es war zwar eine harte Landung gewesen, aber der gefütterte Mantel und die dicken Handschuhe hatten mich vor Abschürfungen und Schlimmerem bewahrt. "Ich glaube nicht", sagte ich und unterzog auch die Zwillinge einer schnellen Musterung. Nirgends Blut, keine verdrehten Gliedmaßen, die Schneidezähne hatten schon vorher gefehlt, nur strahlende Augen und rote Wangen. So sahen glückliche Kinder aus.

"Noch mal!", riefen sie. "Das war so toll!"

Sicherheitshalber krallte ich meine Hände in die Kapuzen ihrer immer noch blütenweißen Anoraks.

"Das war absolut unsinnig und gefährlich", schimpfte der Junge. "Ihr könntet jetzt tot sein."

Oh Gott, ja. "Das ist absolut richtig", brachte ich unter Zähneklappern heraus. "Es tut mir wirklich leid. Nur, wenn man auf dem Hang einmal ins Rutschen gerät, dann ist es geradezu unmöglich, wieder ..."

"Und ich wäre schuld", fiel mir der Junge ins Wort. Er hatte mir gar nicht zugehört und sprach eindeutig mehr zu sich selber als zu mir. Finster starrte er an uns vorbei ins Leere. "Es gäbe ein Gerichtsverfahren, in dem alle Zeugen tot wären, ich müsste wahrscheinlich ins Gefängnis, mein Führerschein würde eingezogen, und mein Vater ..." Schaudernd brach er ab.

Ich räusperte mich. "So gesehen sollten wir uns einfach nur freuen, dass wir alle noch leben!" Weil das Zähneklappern nachgelassen hatte, wagte ich ein Lächeln. Ich hätte ihm auch gern die Hand auf den Arm gelegt, um ihn aus seiner düsteren Parallelweltvision zu holen, aber ich wagte es nicht, die Kinder loszulassen. "Wie gesagt, es tut mir entsetzlich leid, dass wir dir so einen Schreck eingejagt haben. Könntest du uns netterweise in deinem Auto mit nach oben zum Hotel nehmen? Du wolltest doch dorthin, oder?" Natürlich wollte er dorthin, sonst gab es ja hier oben nichts. Wahrscheinlich war er einer der sechs zusätzlichen Servicekräfte, die für die Weihnachtsferien fürs Restaurant angeheuert worden waren.

"Ihr seid Gäste aus Deutschland, ja?"

"Ja, pa, kaderah, kaderlila, lula, schna", sagte Ash. Oder vielleicht war es auch Jayden. Sie sahen absolut identisch aus. Der Junge nickte, als würde das alles erklären. Er öffnete den beiden Kleinen die Tür zum Rücksitz. Sicherheitshalber ließ ich ihre Kapuzen erst los, als sie angeschnallt waren.

"So! Das wäre geschafft." Erleichtert schlug ich die Tür zu und lächelte den Jungen dankbar an. "Kindersicherungen! Die beste Erfindung seit der Druckerpresse."

"Deine Brüder rennen wohl gern weg, was?"

"Oh, das sind gar nicht meine Brüder. Ich bin kein Hotelgast, ich bin die Jahrespraktikantin, und heute ist mein erster Tag in der Kinderbetreuung." Ich lachte. "Nicht mein bester erster Tag, wie du sicher gemerkt hast. Ich und Kinder - das ist keine gute Kombination. Um ehrlich zu sein, hat es mir sogar in der Wäscherei besser gefallen, obwohl ich mich gleich am ersten Tag an der Heißmangel verbrannt habe. Und eine Serviette mit Monogramm habe ich auch ruiniert." Normalerweise war ich bei Fremden eher nicht so gesprächig, das mussten der überstandene Schreck sein und die pure Freude, noch unter den Lebenden zu weilen. Außerdem hatte der Junge irgendwie ein vertrauenswürdiges Gesicht. "Erzähl bloß keinem, dass diese Kinder unter meiner Aufsicht fast überfahren worden wären, ja? Die feuern mich sonst." Ich zog meinen Handschuh ab und streckte ihm meine Hand hin. "Ich bin übrigens Fanny. Fanny Funke." Es fehlte nicht viel, und ich hätte "Schulabbrecherin aus Achim bei Bremen" hinzugefügt, so sehr hatte Don Burkhardt junior mich schon geprägt.

"Ben." Der Junge ergriff meine Hand und schüttelte sie. Mein Redeschwall schien ihn ein bisschen entspannt zu haben, denn jetzt lächelte er. "Ben Montfort."

"Ach, lustig", sagte ich. "Die Hotelbesitzer heißen auch Montfort mit Nachnamen. Roman und Rudolf Montfort. Sie sind Brüder ..."

Oh Gott. Oh. Gott. Ich starrte ihn entsetzt an. "Bitte, bitte sag, dass du nicht mit ihnen verwandt bist."

Ben hob bedauernd die Schultern an. "Tut mir leid", sagte er.

Die Autorin

Kerstin Gier schrieb schon unter vielen Namen, seitdem sie 1995 ihr erstes Buch veröffentlichte: Als Jule Brand, Sophie Bérard oder eben Kerstin Gier veröffentlichte sie Romane für junge Mädchen, Familiengeschichten aus der Provence oder Komödien für Frauen. Nach fünf Jahren hatte sie genug von ihrer multiplen Schriftstellerpersönlichkeit. Zum Glück: Mit ihrem Original-Namen wurde sie zur internationalen Bestsellerautorin, u. a. durch die Trilogie "Silber" und die Romane "Rubinrot", "Die Mütter- Mafia" und "Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner". Kerstin Gier lebt mit Familie und zwei Katzen bei Köln.

Buchtipp

"Wolkenschloss" von Kerstin Gier ist für 20 Euro als Hardcover im Verlag Fischer FJB erschienen und ist außerdem als E-Book für 16,99 Euro erhältlich.


© Illustrationen: Claudia Meitert; Fotos: PR

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© Autorenbild: privat


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