Zoe und die Liebe

In "Zoe und die Liebe" erzählt Janna Solinger die Geschichte der fröhlichen Radiomoderatorin Zoe, die plötzlich neu über ihr Leben nachdenken muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus diesem Roman.

Neuer Lesestoff für den Dezember

Zoe, eine fröhliche Radiomoderatorin und Single-Frau, ist die Hauptfigur in dieser exklusiven LAVIVA-Leseprobe aus dem romantischen Roman "Zoe und die Liebe". In ihrer Show verbreitet Zoe Alltagsoptimismus, bis ihr eine Hörerin vorwirft, sie würde echte Probleme bloß mit Harmonie zudecken. Manchmal reicht ein Satz, um nochmal neu über das eigene Leben nachzudenken.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

"Zoe, das war super." Tobias schien es ernst zu meinen, wirkte jedoch seltsam übertaktet. "Du warst großartig."

Langsam atmete sie durch. Dass sie sich gut beherrschen konnte, hieß weder, dass es ihr immer leichtfiel, noch, dass sie es unbedingt gern tat. "Mein Lieber, als ich heute Mittag im Taxi im Stau hing, dachte ich, du würdest mich fürs Zuspätkommen auseinandernehmen. Damit hätte ich leben können, das wäre verdient gewesen. Dass du es den unschuldigen Hörern überlässt, sich die Finger schmutzig zu machen, finde ich ausgesprochen perfide von dir."

Tobias tätschelte ihr die Schulter. "Die Leute lieben es. Facebook ist voll von den Scheiß-Herzen!"

Roberta und der Nachrichtenmoderator Klaas, im Sender berühmt und berüchtigt für seine Hochwasserhosen, kamen auf dem Weg ins Aufnahmestudio den Gang entlang.

"Glückwunsch, Zoe", sagte Roberta. "Sehr coole Show, Honey."

Klaas nickte und hielt einen Daumen hoch.

"Siehst du?", beharrte Tobias und wandte sich den beiden zu. "Mir will sie es nicht glauben."

"Kannst du aber", meinte Klaas. "Deine Antworten waren top. Schlagfertig und freundlich, so wäre ich auch gern."

Roberta zwickte ihn in die Seite. "Untersteh dich. Du bist Nachrichtensprecher, in deiner Stellenbeschreibung steht eindeutig, dass du ein trockener Nerd zu sein hast. Sonst glaubt dir keiner das Kram, das ich für dich schreibe."

"Den Kram. Es heißt: der Kram."

"Der, die, das. Das ist doch alles die reinste Schikane."

Die beiden nickten Zoe zu und begaben sich in die Aufnahme.

"Siehst du", wiederholte Tobias. "Es war wirklich gut. Und die Hörer mögen es."

"Interessiert es dich, ob ich es mag?", fragte Zoe.

"Natürlich. Und ich kann mir vorstellen, dass es schwer für dich war. Die Anruferin war ein Freak."

Für ihn war es leicht, die Frau mit einem abschätzigen Begriff zu bedenken und dann zu vergessen. Es war ja Zoes Herz, das heftiger schlug. Immer noch hatte sie den Kloß im Hals, der sich während des Telefonats gebildet hatte und mehr und mehr angeschwollen war. Zuerst, weil die Fragen – nein, es waren beinah Anschuldigungen gewesen – sie überrascht hatten.

"Es war einfach Pech, dass du beim ersten Mal an so eine komische Trulla geraten bist."

Dann, weil ihr der Gedanke gekommen war: Hat diese Anne recht? Mache ich mir etwas vor?

"Es wollten Dutzende mit dir telefonieren."

Nein, Zoe war sicher, dass sie keine Maske aus Glück trug, wie die Frau es genannt hatte. Dass sie sich in ihrer Komfortzone bewegte, mochte zutreffen. Aber was sprach auch dagegen? Wer lieferte sich ohne Not unangenehmen Menschen oder Situationen aus oder riskierte sein Glück für etwas, das ihm nicht fehlte?

"Und die Rückmeldungen über die Social-Media-Kanäle sind hervorragend, sowohl bei deinen Fans als auch bei Hörern, die wir durch den neuen Sendeplatz dazugewonnen haben."

Es war etwas anderes gewesen, das Zoe an dem Anruf so verstört hatte. Sie hatte es nicht benennen können, aber jetzt schälten sich langsam Konturen der Erkenntnis aus dem Unklaren.

"Gibst du dem Ganzen eine Chance?"

Die Frau, diese Anne … die kannte sie irgendwoher.

"Zoe?"

Zoe schüttelte resigniert den Kopf. Ihre Kollegen verstanden nicht, worum es ging. Tobias noch viel weniger. Für ihn zählte das Ergebnis. Wie sie sich dabei gefühlt hatte, war ihm vollkommen egal. Und als Chefredakteur hatte er vermutlich nicht nur das Recht, so zu denken, sondern die Pflicht. Einer musste ja die Quoten im Auge behalten.

"Sag mal, hörst du mir zu?"

"Um ehrlich zu sein, nicht wirklich." Zoe musste lächeln. "Ich war in Gedanken. Darf ich dir einen Vorschlag machen?"

"Immer gern."

"Wir probieren es zwei Wochen lang. Wenn ich mich danach mit dem neuen Konzept nicht wohl fühle" – oder noch ein einziges Mal so eine Anne anruft – , "ändern wir es wieder zurück und du versuchst nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen."

"Danke, Zoe", sagte Tobias und erwiderte ihr Lächeln. Seine kühlen grauen Augen wirkten plötzlich gar nicht mehr kühl. Bildete sie sich das ein? "Das ist alles, was ich von dir wollte. Und darauf würde ich heut Abend gern mit dir anstoßen. Vielleicht bei einem guten Essen?"

Sie war sicher, dass sie sich die Veränderung in seinem Blick nicht einbildete. Er wirkte weicher als sonst. Wärmer. Als würde er sie gern ansehen, solange er nicht gerade mit ihr über das Programm streiten musste.

Sie berührte seinen Oberarm. "Das klingt wirklich sehr verlockend, Tobias. Vielen Dank. Aber nein."

Und dann sagte der Typ zu mir: "Baby, lass bitte immer die Kloschüssel offen – der Hund trinkt so gern daraus", und ich bekam das Bild nicht aus dem Kopf, wie er sich von dem Hund das Gesicht ablecken ließ." Roberta bedachte jeden am Tisch mit einem kurzen Blick und kippte dann den Inhalt ihres Weinglases in einem Zug hinunter. Sie sah sich um, ob jemand in der Nähe war, aber die Kellner waren anderweitig beschäftigt und die umliegenden Tische waren zu der späten Stunde schon leer. "Und wo dieses Gesicht in der Nacht davor überall war."

"Iiiiih", kreischte Kirsten. "Die nächste Hundebesitzerin, die ich küsse, wickle ich vorher in Frischhaltefolie ein!"

Klaas zog eine angeekelte Grimasse, Tobias goss Robertas Glas mit Schwung noch einmal voll, und Zoe schüttelte sich vor Lachen.

"An diesem Morgen habe ich beschlossen", fuhr Roberta fort, "dass die One-Night-Stands aufhören müssen. Ich bin kuriert, ich gehe mit niemandem mehr nach Hause, und mein nächster Sex wird in meiner Hochzeitsnacht stattfinden. Nie wieder böses Erwachen."

"Darauf trinken wir!", beschloss Klaas. "Nie wieder böses Erwachen!"

"Nie wieder!", rief Kirsten, hob ihr Bier und warf in derselben Bewegung der portugiesischen Kellnerin einen Blick zu, der besagte, dass sie sich von einer Nacht mit ihr kein böses Erwachen versprach.

Zoe stieß mit den anderen an, fragte sich aber insgeheim, wie böse das Erwachen wohl erst sein mochte, wenn man seinem Partner die seltsamen Neigungen, die nicht hinnehmbaren Macken oder gar das Ungeschick beim Sex erst in der Hochzeitsnacht anmerkte.

Kirsten war an der Reihe, eine Anekdote aus ihrem Liebesleben zum Besten zu geben, aber im Gegensatz zu Robertas Geschichten waren ihre regelmäßig so pointiert, dass sie nur ausgedacht sein konnten, was ihren Unterhaltungswert so sehr schmälerte wie Kirstens Fett- und Zuckeraustauschstoffe den Geschmack ihrer Käsekuchen. Zoes rotweingeschwängerte Gedanken schweiften mit der Musik ab, die ihr Lieblingsportugiese regelmäßig abspielte, wenn die Kerzen auf den Tischen niederbrannten. Fado. Sie neigte nicht zur Melancholie, außer Rotwein und der schwermütige Fado trafen zusammen. Darüber vergaß sie manchmal ihren Grundsatz, dass ihr privater Trübsinn nichts an den Ungerechtigkeiten der Welt änderte und dass sie mit guter Laune eher in der Lage war, im Kleinen etwas Positives zu bewirken.

Es kam ihr nun lächerlich vor, dass Roberta sie förmlich hatte beknien müssen, zum gemeinsamen Essen mitzukommen. Sie hatte Tobias eins auswischen wollen, indem sie ihm abgesagt hatte. Und obwohl sie dann doch mitgekommen war, schien es funktioniert zu haben, denn trotz der guten Stimmung und dem Gelächter an ihrem Tisch warf er ihr noch immer diese fragenden Blicke zu. Diese "Ist alles in Ordnung?"-Blicke – und sie bezogen sich nicht auf ihren gegrillten Lachs; der schmeckte vorzüglich. Es tat ihr nun leid, mit Tobias gezankt zu haben. Er machte nur seinen Job, unpopuläre Entscheidungen gehörten dazu. Und wer war sie denn, sich über ein verändertes Konzept zu ärgern, bis ihr Chef ein schlechtes Gewissen bekam? Es gab nun wirklich Schlimmeres auf der Welt. Der Fado-Sänger zum Beispiel sang ganz bestimmt von Kriegswaisen, zerbombten Städten und ganz und gar ausweglosen Situationen.

"Bestellst du auch noch ein Dessert, Zoe?", riss Kirsten sie aus ihren Grübeleien.

"Heute nicht. Danke."

"Ist alles in Ordnung?", sprach Tobias aus, was seine Blicke den ganzen Abend stumm fragten. "Seit wann sagst du hier nein zum Nachtisch?"

Seit du dich in meine Sendung einmischst, schoss es ihr unweigerlich durch den Kopf, aber sie schluckte jede patzige Antwort runter. "Dieses traurige Lied schlägt mir gerade auf den Magen, fürchte ich. Wollen wir die Existenz einer weiteren Flasche Wein beenden?"

Tobias lauschte der Musik, als hätte er sie gerade erst bemerkt. Er legte den Kopf schief und lächelte versonnen. "Er singt von einem Mädchen, für das er mit seinem Bruder gebrochen hat. Sie haben sie beide geliebt und ihr beide jeden Tag Blumen an einem Stand am Straßenrand gekauft. Am Ende wählt sie einen dritten. Den Jungen, bei dem die Brüder immer die Blumen gekauft haben."

Roberta seufzte. Kirsten rollte mit den Augen. Zoe registrierte erleichtert, dass das Lied zu Ende ging und eines begann, das ein bisschen weniger traurig klang.

In ihrer Brust setzte sich ein dumpfes Gefühl fest: Enttäuschung, dass das tragisch anmutende Lied doch wieder nur so einen banalen Hintergrund hatte.

Liebe.

Liebe zu einer einzigen Person wurde eindeutig überbewertet. Schwer vorstellbar, dass dieses Gefühl so großartig sein sollte, dass es all die Tragik und das Leid wert war, das in den meisten Fällen damit einherging.

"Ich wusste nicht, dass du Portugiesisch sprichst, Tobi", unterbrach Roberta Zoes Gedanken. Gut so, waren sie doch reichlich unnötig. Sie beglückwünschte sich, die Finger von etwas Ungreifbarem wie der Liebe zu lassen. Amüsieren konnte man sich auch ohne Verpflichtungen. Winkend ließ sie den Kellner quer durch das Restaurant wissen, dass mehr Wein gebraucht wurde, während ihr Blick über ihre Kollegen schweifte. Sie alle untermauerten ihre These, dass Liebe zu Unglück führte, denn während sie als Singles alle durchaus zufriedene Menschen waren, führten Beziehungen, die über One-Night-Stands hinausgingen, meist zu Spannungen und am Ende zu großem Katzenjammer.

Der Kellner zeigte ein weit ausholendes Schulterzucken, als sie nachsah, wo er blieb, und Zoe schwenkte zur Erklärung die leere Weinflasche über dem Kopf.

"Ich war früher oft in Brasilien", antwortete Tobias mit etwas Verzögerung auf Robertas Frage. "Meist wochenlang, einmal für ein halbes Jahr. Es ist nirgends so schön wie in Brasilien."

"Aber du warst länger nicht mehr dort, oder habe ich etwas verpasst?", hakte Roberta nach. Zoe konnte sich auch nicht erinnern, dass Tobias je von einer Brasilienreise erzählt hatte. Er war im letzten Jahr einmal beruflich für ein paar Tage in Paris gewesen, ansonsten hatte er nie von einer Reise gesprochen. Hatte er überhaupt je Urlaub gemacht, seit sie im Sender arbeitete?

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Tobias’ nächster Atemzug wirkte ein wenig bemüht. "Es geht leider im Augenblick nicht."

"Er ist im Sender eben unabkömmlich, vierundzwanzigsieben", erklärte Kirsten mit einem Stoßseufzer.

"Außerdem", fügte Klaas hinzu, "wissen wir doch alle, was wir verdienen. Zuckerhut und Rio de Janeiro? Träumt weiter. Realistisch sind die Alpen und vielleicht mal Budapest."

"Ja, und Texel", rief Kirsten ins Gelächter der anderen, weil ihnen allen bekannt war, dass Klaas seit Jahren jeden Urlaub auf Texel verbrachte. Noch ein Punkt, der Zoes These untermauerte: Klaas war der Einzige in der Runde, der verheiratet war, und Klaas hasste Texel, fuhr aber ständig hin. Seine Frau war es, die aufgrund schöner Kindheitserinnerungen auf diese touristenüberflutete Insel fixiert war – und er ergab sich kampflos seinem Schicksal. Aus Liebe, wie er behauptete.

Die anderen übertrafen sich gegenseitig mit Lästereien über Texel, während der Kellner die neue Weinflasche brachte. Bloß Tobias lächelte nur, schien aber mit den Gedanken woanders.

Zoe beugte sich weit über den Tisch zu ihm rüber. "Fernweh nach Brasilien?", fragte sie leise. Gut, dass sie doch mitgekommen war. Vielleicht wäre sie sonst noch länger wütend auf ihn gewesen. Das gemütliche Beisammensitzen ließ ihren Ärger wegschmelzen. Tobias mochte ein knallharter Chef mit Superschurkenvisage sein, aber ihm gelang immer wieder – selbst heute – das Kunststück, sich nach Feierabend in einen lieben Kollegen zu verwandeln, und es gefiel ihr nicht, dass er nun bekümmert wirkte.

"Immer."

"Dann muss es einen guten Grund geben, dass du nicht hinfliegst." Sie griff nach der Weinflasche, umfasste sein Glasmit der anderen Hand und schenkte ihm ein. Erst dann bemerkte sie, dass seine Finger ebenfalls um das Glas lagen und sie seine Hand hielt.

"Ja, den gibt es." Tobias’ Stimme war wie Fado. Traurig, aber auf unergründliche Weise, da sie die Sprache nicht verstand. Sie räusperte sich und ließ sein Glas und seine Hand los. Eine Weile wartete sie darauf, dass er weitersprach, aber er deutete nur kaum wahrnehmbar zu Roberta, Klaas und Kirsten, die freundlich darüber zankten, wessen Urlaubsort der schrecklichste sei. Zum Gewinner wurde schließlich Roberta ernannt, die zweimal im Jahr einen Transatlantikflug nach Georgia nebst fürchterlichem Jetlag auf sich nahm, um dort drei Wochen lang den Babysitter für eine Handvoll Nichten und Neffen zu spielen. Dann kehrte sie vollkommen erschöpft, mit Schlafdefizit und von Moskitos zerstochen wieder zurück und fand die dringend nötige Erholung in der Formulierung von Nachrichtentexten.

Das musste ihr erst mal jemand nachmachen.

Klaas brach etwas später, wie einem geheimen Ritual folgend, als Erster auf. Wie immer rief seine Frau an, und er erklärte ihr, noch zu bleiben. Exakt viereinhalb Minuten später gähnte er, ganz gegen seine sonstigen Manieren, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, verkündete, müde zu sein, und verabschiedete sich von den anderen. Wenig später machte sich Kirsten auf den Weg, zeitgleich sorgte die portugiesische Belegschaft dafür, dass niemand der noch anwesenden Gäste es verpasste, wie die Kellner ihren Feierabend einläuteten. Nur der alte Wirt Thomás, von dem Zoe von Tobias heute Abend erfuhr, dass er kein Wort Portugiesisch sprach und bloß das Pech hatte, Grieche in einer Stadt zu sein, die schon zu viele griechische Restaurants zu bieten hatte, verharrte so müde wie tapfer hinter seiner Theke und schenkte weiter Wein und Kaffee aus. Dem Fado hatte er allerdings inzwischen den Strom abgedreht. Vermutlich ertrug selbst er die Melancholie in Dauerschleife nur über einen begrenzten Zeitraum.

An normalen Abenden machten sich auch Tobias und Zoe auf den Heimweg, sobald Roberta aufbrach, denn Tobias und Roberta mussten in dieselbe Richtung. Heute war irgendetwas anders. Vielleicht lag es an einem Rest Rotwein in der Flasche, der noch für zwei reichte, vielleicht auch am Fado, der, wenn er auch längst verklungen war, noch in der Luft lag wie ein schweres Parfüm, dessen Trägerin zu früh gegangen war. Tobias und Zoe leerten die Flasche gemeinsam, und ebenso gemeinsam erlösten sie den portugiesischen Wirt Thomás, der kein Portugiesisch sprach, und traten in die Nacht hinaus.

Warum fährst du nicht mehr nach Brasilien?, dachte Zoe immerzu, aber leicht beduselt vom Wein war sie nicht sicher, ob es nüchtern betrachtet eine Frage war, die man aussprechen konnte. Ging es sie denn etwas an, warum ihr Chef nicht mehr verreiste? Woher kam eigentlich plötzlich dieses bohrende Interesse an ihm?

Ein Polizeiwagen fuhr vorbei, schaltete genau auf ihrer Höhe die Sirene an, und Zoe erschrak und musste sich die Ohren zuhalten.

"Warum fahren wir nicht zusammen nach Brasilien?", fragte Tobias, als Zoe wieder etwas hören konnte.

"Wie bitte?" Sie musste kichern. Vermaledeiter, zu köstlicher portugiesischer Wein! "Jetzt sofort?"

"Ja, wohl kaum morgen zum Frühstück. Los, komm. Auf einen Mojito kommt es jetzt nicht mehr an, und …"

Ein weiterer Polizeiwagen raste die Straße entlang, und das Martinshorn schluckte alles, was Tobias sagte.

Zoe folgte ihm verwirrt. Er legte ein ganz schönes Tempo vor – offenbar ging der letzte Flieger nach Rio de Janeiro noch vor Mitternacht. Eigenartigerweise ging es nicht in Richtung Bahnhof, von wo aus man zum Flughafen kam. Stattdessen landeten sie vor einer Bar mit greller Außenbeleuchtung. Offenbar hatte sie ihn wegen des Lärms missverstanden. Über dem Schriftzug Brasilia rekelte sich eine strahlende Sambatänzerin, deren perfekter Körperbau es verkraftete, dass ihr hochgestrecktes Bein nur bis zum Knie beleuchtet wurde, sodass es aussah, als hätte man ihr die Wade amputiert.

"Eine hübsche Funzel entstellt nichts", flüsterte Zoe im Vorbeigehen. Hoffentlich konnte sie sich das für die Sendung merken. "Vielleicht", überlegte sie laut, "machen wir noch ein Experiment. Rio Calling klingt doch auch ganz toll, was meinst du, Tobias?"

Er verzog gequält das Gesicht, als hätte sie einen wirklich geschmacklosen Scherz gemacht. "Du bist noch wütend."

"Ach was." Zoe musste gegen die voll aufgedrehten Samba-Klänge im Inneren der Bar anschreien. "Betrunken."

"Ich bin’s zu wenig, um dir das zu glauben."

"Hier gibt es sicher Caipirinha, um das zu ändern."

Tobias lachte. "Hier bekommt man ihn original so, wie er in den brasilianischen Strandbars verkauft wird. Mit einer halbierten Limette, Eiswürfeln statt Crushed Ice und weißem Zucker."

"Wie schade", sagte Zoe aufrichtig und hüpfte einer Horde angefeierter Studenten auf dem Weg nach draußen aus dem Weg, "dass man mich mit Limetten jagen kann. Die sind mir einfach zu sauer. Was kannst du sonst empfehlen?"

Tobias schob sie an der Hüfte zu dem einzigen freien Stehtisch in der gerammelt vollen Bar. "Reservier uns den Platz. Ich bringt dir etwas Gutes mit – du wirst es mögen."

Zoe plusterte ihre Konfektionsgröße 38 3/4 auf das Doppelte auf, um den Tisch unmissverständlich als besetzt zu markieren, und betrachtete die Gäste des Brasilia. Jung, bunt gemischt und hip, fand sie, aber womöglich war das der späten Stunde geschuldet. Ein paar Mädchen tanzten, und zu ihrer Freude entdeckte sie auch einen jungen Mann, der mit freiem Oberkörper Capoeira zum Besten gab, wobei er die umstehenden Leute wie durch ein Wunder mit seinen Armen und Füßen nur um Haaresbreite verfehlte. Sie fragte sich gerade, warum sie sich seit Monaten den Fado von der CD antaten, wenn es wenige Straßen weiter heiße Sambarhythmen und sexy Tänzer gab, da kam Tobias mit den Getränken zurück und schob ihr ein Glas zwischen die Hände. Der Cocktail sah seinem ähnlich, bloß war er nicht grün, sondern orange: freundlich, sonnig und damit vermutlich kein bisschen sauer.

"Maipirinha", erklärte er. "Maracuja statt Limette."

Zoe probierte, und ihr schoss kurz und leuchtend rot wie ein Signallicht durch den Kopf, dass dieser Cocktail verflixt gut schmeckte. Gefährlich gut. Aber bevor sie angemessen auf die Warnung reagieren konnte, war der Gedanke auch schon wieder weg. Sie waren zum Feiern hergekommen, keiner von ihnen musste noch fahren, und der Alkoholpegel sorgte wenigstens dafür, dass sie kaum noch an die Arbeit und die Sendung denken musste, die heute aus irgendeinem Grund schiefgelaufen war. Sie wusste nicht einmal mehr genau, warum sie schiefgelaufen war. Hatte sie einen Blackout gehabt? Einen Lachkrampf? Ach nein, Tobias hatte in ihrem Konzept herumgemurkst und …

"Was habe ich vermurkst?", fragte Tobias nah an ihrem Ohr, um bei der lauten Musik nicht so schreien zu müssen. Sein Atem fühlte sich angenehm auf ihrer Haut an.

"Sapperlot, belauschst du mich?" Hatte sie etwa laut gedacht? "Ich sagte, dass ich von diesem Murks", sie hob ihr Glas, "glatt noch einen trinken könnte. Hey, warum lachst du? Lachst du mich aus?"

"Hemmungslos!" Er strahlte sie an. Lag es an dem Licht in dieser verrückten Bar, dass seine Augen so leuchteten? Oder an der Spannung zwischen ihnen, die heute, irgendwann im Laufe des Tages, etwas zwischen ihnen verändert hatte? Seit wann konnte Grau überhaupt leuchten?

Sie schüttelte den Kopf, als ihr gewahr wurde, dass sie ihn anstarrte. Hemmungslos, so so.

"Warum?"

"Weil du diese Wörter sagst."

"Weil ich Wörter sage?"

"Diese Wörter. Sapperlot. Oder Herrschaftszeiten noch mal. Oder Himmelarschundzwille."

"Himmelarschundzwirn!", korrigierte Zoe. So viel Genauigkeit musste sein. "Ich versuch es mir ja abzugewöhnen. Kirsten sagt, ich würde sprechen wie ihre Uroma. Aber sie kommen einfach über mich, diese Wörter."

"Bitte, Zoe", flüsterte Tobias, und Zoe fragte sich, wie er bei dem Krach um sie herum flüstern und sie ihn verstehen konnte, "gewöhn es dir nicht ab. Ich weiß nicht, wie Kirstens Uroma spricht, aber ich schwöre dir, sie sagt diese Wörter nicht so sexy wie du." Oh. Sie konnte ihn verstehen, weil er ihr plötzlich so nah war, dass sein Atem ihren Hals kitzelte. Das Kribbeln breitete sich über ihren ganzen Körper aus.

Darüber musste sie einen Moment nachdenken. Wie gut, dass Tobias verschwand und einen weiteren dieser hundsgemeinen Mai- statt Caipirinhas für sie kaufte. Als er zurückkam, hatte sie vergessen, worüber sie zu grübeln begonnen hatte, und nachdem das Glas leer war, fand sie sich tanzend zwischen jungen Dingern in Pailletten-BHs und einem Capoeira-Tänzer wieder, an ihrer Seite ein Chef in Anzughose, Herrenschuhen im Wert eines Kleinwagens und einem Ramones-T-Shirt, auf dem ihr Lippenstift auf unerklärliche Weise Spuren hinterlassen hatte.

Er fand sie sexy. Das war ein dickes Ding. Wie eigenartig die Sterne in dieser Nacht stehen mussten, dass ihm ausgerechnet heute aufgefallen war, wie sexy er sie, Zoe London, fand. Denn zufälligerweise hatte sie etwas ganz Ähnliches festgestellt: Dieser Tobias mit den stahlgrauen Augen, der so unbarmherzig wie unwiderstehlich zielstrebig sein konnte und dem es dummerweise heute gelungen war, sie mühelos gegen die Wand zu argumentieren, der sah längst nicht nur gut aus mit seinen markanten Superschurken-Gesichtszügen. Der war auch sexy.

Einen letzten Cocktail konnte sie sich wirklich gönnen. Einen einzigen engen Tanz ebenfalls, schließlich schafften sie beide nicht mehr viel mehr als Klammerblues zu Sambarhythmen. Sich ein Taxi zu teilen war nur naheliegend, immerhin hatten sie beide getrunken, und dass sie gemeinsam vor dem Achtparteienklotz ausstiegen, in dem Tobias’ Wohnung lag, ging schon in Ordnung, denn bei Tobias warteten zwei Katzen auf ihr spätes Abendbrot, und bei Zoe wartete niemand.

Die Autorin

Jenna Solinger ist das Pseudonym einer erfolgreichen Jugendbuchautorin, die mit dem Roman "Zoe und die Liebe" nun ihr erstes Buch für Frauen geschrieben hat. Darin finden sich so wunderbar aufbauende und wahre Sätze wie: "Wir Frauen, liebe Frauen, neigen dazu, nicht zu glauben, wie schön wir eigentlich sind – jede auf ihre ganz spezielle Art. Wir glauben unseren Freundinnen und Freunden das auch nicht, und ihr glaubt das vermutlich auch mir nicht." Wer den Roman gelesen hat, wird die Welt danach etwas unbekümmerter sehen – und sich selbst vielleicht noch ein bisschen mehr mögen als vorher.

Buchtipp

"Zoe und die Liebe" von Jenna Solinger ist für 9,99 Euro bei Rowohlt TB erschienen und ist außerdem als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Romy Blümel; Fotos: PR

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