Zwischen dir und mir das Meer

In "Zwischen dir und mir das Meer" von Katharina Herzog ist Lena einem Familiengeheimnis auf der Spur. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Geschichte.

Neuer Lesestoff für den Juni

Lena ist sich nicht sicher: Gibt es ein Familiengeheimnis, von dem sie nichts weiß? Und ist der fremde Italiener, der plötzlich auf der Insel auftauchte, der Schlüssel dazu? In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe aus dem Liebesroman "Zwischen dir und mir das Meer" der Autorin Katharina Herzog können Sie Lena begleiten, deren Herz plötzlich aus vielen Gründen im Akkord schlägt

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Gleich halb eins, stellte Lena mit Blick auf ihren Radiowecker fest. Zumindest für ein paar Stunden war sie also doch noch zur Ruhe gekommen! Gerechnet hatte sie nicht damit, denn obwohl sie die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war, hatte sie sich lange Zeit ruhelos hin und her gewälzt. Matteo Forlani war ihr einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Auch nach dem Aufwachen galt ihr erster Gedanke seinem Besuch.

Was hatte er bei ihnen gewollt? Mittlerweile konnte Lena sich wirklich nicht mehr vorstellen, dass er Eier kaufen wollte, wie er behauptet hatte. Schließlich wohnte er in der Weißen Düne. Das Hotel lag fast fünf Kilometer von Nebel entfernt in Wittdün.

Und wieso war er so plötzlich wieder verschwunden? Waren sie sich im Laufe seines Urlaubs vielleicht doch schon einmal begegnet, sie war ihm aufgefallen, er hatte herausgefunden, wo sie wohnte …? Allein dieser Gedanke reichte aus, um die Schmetterlinge in ihrem Bauch Loopings schlagen zu lassen. Dabei war sie noch nie der schwärmerische Typ gewesen. Lena schüttelte energisch den Kopf, um diesem Tagtraum Einhalt zu gebieten. Dass sich das Interesse des Italieners nicht nur auf sie beschränkte, sondern alle Frauen betraf, war offensichtlich. Sonst hätte er wohl kaum so schamlos mit Oma Hilde geflirtet … Auch für die Vertrautheit, die sie ihm gegenüber verspürt hatte, gab es eine ganz logische Erklärung: Er erinnerte sie an ihre Mutter. Zwar hatte Mariella dunkle Augen gehabt und keine hellen, aber auch ihre Haare waren gelockt und fast schwarz gewesen, und sie hatte im gleichen melodischen Tonfall gesprochen.

Dass er so hartnäckig durch ihre Gedanken spukte, lag allein an den seltsamen Umständen seines morgendlichen Besuchs. Und denen würde sie nun auf den Grund gehen. Entschlossen stemmte sie sich hoch und schwang die Beine über die Bettkante.

Sie schlüpfte in einen weißen Rock und das leuchtend blaue Shirt, das so gut zu ihren Augen passte. Dann hängte sie sich eine lange Kette aus weißen und blauen Meerglassteinen um den Hals, holte ihre Sandalen aus dem Schuhschrank und machte sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Lena hatte die Hoffnung, dass ihr auf der etwa zwanzigminütigen Fahrt in das Inseldorf eine einleuchtende Erklärung einfiel, warum sie den jungen Mann noch einmal sehen musste. Vielleicht konnte sie behaupten, dass sie ihren nächsten Urlaub in Italien verbringen wollte, und ihn um ein paar Reisetipps bitten. Das war auch nicht unwahrscheinlicher, als dass jemand fünf Kilometer über eine Insel radelte, um Eier zu kaufen. Am besten wäre es natürlich, ihm zufällig über den Weg zu laufen.

Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Obwohl Lena in jedem Café von Wittdün nachsah und den kompletten Strand ablief, traf sie den Italiener nicht. Also musste ihre Notlüge zum Einsatz kommen. Ernüchtert stellte sie ihr Rad vor der Weißen Düne ab.

Der Empfang war nicht besetzt, aber nachdem sie einmal geklingelt hatte, erschien Gesa Krayenborg. Ihre ehemalige Klassenkameradin hatte in Hamburg in einem noblen Hotel eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht und war vor kurzem auf die Insel zurückgekehrt.

"Lena! Wie schön dich zu sehen! Was führt dich zu uns?", fragte Gesa freundlich. Ihre langen Haare waren einer schicken Kurzhaarfrisur gewichen. Ihre Gesichtshaut lag unter einer dicken Make-up-Schicht versteckt. Lena erkannte ihre Sandkastenfreundin kaum wieder.

"Ja … also …", druckste sie etwas herum, bevor sie sich dazu entschied, zum Punkt zu kommen. Sie schuldete Gesa schließlich keine Erklärung. "Ich möchte zu einem eurer Gäste. Er heißt Matteo Forlani. Kannst du nachschauen, ob er auf seinem Zimmer ist?"

"Du möchtest zu dem Italiener!" Gesas Lippen kräuselten sich. Allerdings nur kurz, dann wurde ihre Miene wieder professionell. "Tut mir leid. Er ist abgereist."

"Was?" Lenas fiel die Kinnlade herunter. "Wieso …?"

Gesa zuckte mit den Schultern. "Mich hat es auch gewundert. Er ist schließlich erst gestern Abend angekommen."

"Gestern Abend erst, wirklich?" Dann konnte sie ihm vor seinem Besuch unmöglich begegnet sein. Sie hatte gearbeitet.

"Ja, natürlich. Warum sollte ich dich anlügen?", fragte Gesa verstimmt.

"Natürlich denke ich das nicht, ich bin nur so … enttäuscht", beeilte sich Lena zu versichern. "Ich … Wir waren heute eigentlich verabredet."

Gesa war besänftigt. "Seltsam! Das Zimmer hat er bis morgen bezahlt. Aber dann kam er vorhin auf einmal zu mir und sagte, er müsse nach Italien zurück. Wegen einer dringenden Familienangelegenheit."

Lena nickte. Er war also fort. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle.

"Ich fand ihn auch sehr nett", sagte Gesa, um sie zu trösten.

Lena lächelte gezwungen. Sie verabschiedete sich von Gesa und verließ das Hotel. Als sie schon auf dem Fahrrad saß, hörte sie auf einmal jemand ihren Namen rufen. Sie blickte sich suchend um und sah Marle, eine Freundin von Oma Hilde, hinter einer Hausecke.

"Lena!", rief die alte Frau noch einmal leise und winkte sie zu sich.

Lena runzelte die Stirn. Warum tat Marle denn so geheimnisvoll? Sie stieg vom Fahrrad und ging zu ihr.

Die alte Frau packte sie am Arm. "Ich habe gesehen, wie du mit der jungen Chefin gesprochen hast", flüsterte sie und zog Lena in den Fahrradkeller.

"Geht es um Oma Hildes Geburtstag?"

Marle schüttelte den Kopf. Die alte Frau war blass, und ihre hellblauen Augen blickten hektisch umher. "Nein, um einen der Gäste." Lenas Herz machte einen überraschten Hüpfer. Um Matteo Forlani?

"Was ist mit diesem Gast?", fragte sie mit trockenem Mund.

"Er hat etwas in seinem Zimmer liegen lassen", flüsterte Marle weiter. "Ich habe gerade überlegt, was ich damit mache, da habe ich dich gesehen … Es …" Sie zögerte kurz, bevor sie tief Luft holte und hervorstieß: "Komm am besten mit und schau es dir an. Aber psst!" Marle legte einen Zeigefinger an die faltigen Lippen. "Die junge Chefin wäre nicht begeistert, wenn sie mitkriegt, dass ich jemanden in die Zimmer lasse."

Nervös folgte Lena der winzigen, dürren Frau durch den Fahrradkeller ins Hotel. Mit dem Aufzug fuhren sie in den zweiten Stock hinauf. Vor einer weiß gestrichenen Zimmertür am Ende des Ganges blieben sie stehen. Marle schaute sich kurz um. Dann schloss sie die Tür auf und hinter ihnen gleich wieder zu.

"Und jetzt?", fragte Lena.

Statt einer Antwort drückte die alte Frau Lena in einen Sessel und reichte ihr die braune Ledermappe, die neben dem Telefon auf dem Schreibtisch gelegen hatte.

Lena warf einen kurzen Blick darauf. "Das ist die Mappe mit den Hotelinfos", sagte sie enttäuscht. "Was soll ich damit?" War Marle verrückt geworden?

Für einen Moment verzogen sich Marles Lippen zu einem listigen Lächeln. Dann wurde sie wieder ernst. "Ja, das habe ich auch zuerst gedacht." Sie nickte. "Deshalb wurden die Mappen wohl auch vertauscht."

Vertauscht? Lena klappte das lederne Deckblatt um. Tatsächlich! Das hier war nicht der Ordner, der die Gäste darüber informierte, wann es Frühstück gab und zu welchen Zeiten die Sauna geöffnet hatte. Zwar gab es eine Ringbuchhalterung aus Metall, aber die darin eingehefteten Blätter waren unbeschriftet. Lena überprüfte es, indem sie sie die Mappe fahrig durchblätterte. Außerdem gab es Fächer für EC-Karten, zwei Stiftehalterungen für Kugelschreiber und ein Netzfach. Polaroid-Fotos steckten darin. Lena sah Marle an. Die alte Frau nickte ihr zu. Mit zittrigen Fingern öffnete Lena den Reißverschluss und zog die Fotos heraus. Dann stieß sie einen unterdrückten Schrei aus. Gut, dass sie saß. An eine weiße Steinmauer gelehnt, vor einem azurblauen Himmel, stand ihre Mutter Mariella.

Mariella konnte auf dem Bild nicht älter als achtzehn sein. Ihr Gesicht war runder, als Lena es in Erinnerung hatte. Die Züge wirkten weicher. Strahlend lächelte ihre Mutter in die Kamera. Es war kein aufgesetztes Lächeln, sondern ein echtes, das aus einem Moment absoluter Unbeschwertheit heraus entstanden sein musste und das ihr ganzes Gesicht erhellte. Sie sah aus, als ob sie sich über etwas köstlich amüsierte.

Lena betrachtete das nächste Foto. Es zeigte ein paar Zitronenbäume. Schwer und prall hingen die Früchte von den Zweigen. Mariella stand mit halbgeschlossenen Augen davor und tat so, als würde sie an einer kleinen weißen Blüte riechen. Zitronen reifen und blühen gleichzeitig. Ihr Duft hört nie auf! Dieser Satz kam Lena ganz spontan in den Sinn. Bestimmt hatte sie ihn von ihrer Mutter.

Auf dem dritten Foto stand die junge Frau vor einer Säule. Sie trug ein festliches Kleid, ihre Wangen waren gerötet, die Lippen leicht geöffnet. Sie sah ein wenig erstaunt aus. Verwirrt. Vielleicht war sie von dem Fotografen überrascht worden. Und es lag so viel Liebe und Sehnsucht in ihrem Blick, dass Lena schluckte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre Mutter jemals ihren Vater so angesehen hatte.

Lena drehte die Fotos um, um auf der Rückseite nach weiteren Hinweisen zu suchen, nach Namen oder Ortsangaben, aber die weichen, schon etwas verblassten Bleistiftbuchstaben verrieten lediglich das Jahr, in dem die Fotos aufgenommen worden waren: 1978. Lena schaute sich noch einmal das letzte Foto an. Es berührte sie tief. Wer auch immer der Fotograf gewesen war, er musste einen ganz besonderen Platz in Mariellas Herzen eingenommen haben.

Eine raue Hand legte sich auf ihren Arm, und Lena zuckte zusammen. "Deine Mutter war eine wunderschöne Frau", sagte Marle.

Lena nickte wehmütig. "Ich weiß so wenig von ihr."

Die alte Frau legte den Kopf schief und sah sie mitfühlend an. "In dem Zimmer hat ein junger Mann gewohnt. Ein Ausländer. Hast du eine Ahnung, wie er an die Fotos gekommen ist?"

Matteo Forlani! Natürlich. Lena erhob sich mit einem Ruck. In den letzten Minuten hatte sie sich so sehr von dem früheren Leben ihrer Mutter gefangen nehmen lassen, dass sie an ihn gar nicht mehr gedacht hatte. Dabei war er das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht hatte er Mamma sogar gekannt … Sie klemmte sich die Mappe unter den Arm.

"Ich muss ihn finden", sagte sie.

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Lena

Gleich halb eins, stellte Lena mit Blick auf ihren Radiowecker fest. Zumindest für ein paar Stunden war sie also doch noch zur Ruhe gekommen! Gerechnet hatte sie nicht damit, denn obwohl sie die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war, hatte sie sich lange Zeit ruhelos hin und her gewälzt. Und das lag nicht an ihrer schmerzenden Hand. Matteo Forlani war ihr einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Auch nach dem Aufwachen galt ihr erster Gedanke seinem Besuch.

Was hatte er bei ihnen gewollt? Mittlerweile konnte Lena sich wirklich nicht mehr vorstellen, dass er Eier kaufen wollte, wie er behauptet hatte. Schließlich wohnte er in der Weißen Düne. Das Hotel lag fast fünf Kilometer von Nebel entfernt in Wittdün. Jeder Supermarkt und jeder Bauer hatte dort Eier im Angebot, auch in Bioqualität.

Und wieso war er so plötzlich wieder verschwunden? Waren sie sich im Laufe seines Urlaubs vielleicht doch schon einmal begegnet, sie war ihm aufgefallen, er hatte herausgefunden, wo sie wohnte …? Allein dieser Gedanke reichte aus, um die Schmetterlinge in ihrem Bauch Loopings schlagen zu lassen. Dabei war sie noch nie der schwärmerische Typ gewesen. Lena schüttelte energisch den Kopf, um diesem Tagtraum Einhalt zu gebieten. Dass sich das Interesse des Italieners nicht nur auf sie beschränkte, sondern alle Frauen betraf, war offensichtlich. Sonst hätte er wohl kaum so schamlos mit Oma Hilde geflirtet … Auch für die Vertrautheit, die sie ihm gegenüber verspürt hatte, gab es eine ganz logische Erklärung: Er erinnerte sie an ihre Mutter. Zwar hatte Mariella dunkle Augen gehabt und keine hellen, aber auch ihre Haare waren gelockt und fast schwarz gewesen, und sie hatte im gleichen melodischen Tonfall gesprochen.

Dass er so hartnäckig durch ihre Gedanken spukte, lag allein an den seltsamen Umständen seines morgendlichen Besuchs. Und denen würde sie nun auf den Grund gehen. Entschlossen stemmte sie sich hoch und schwang die Beine über die Bettkante.

Sie schlüpfte sie in einen weißen Rock und das leuchtend blaue Shirt, das so gut zu ihren Augen passte. Dann hängte sie sich eine lange Kette aus weißen und blauen Meerglassteinen um den Hals, holte ihre Sandalen aus dem Schuhschrank und machte sich auf den Weg. Mit dem Fahrrad dauerte es viel länger bis nach Wittdün als mit dem Auto. Doch Lena hatte die Hoffnung, dass ihr auf der etwa zwanzigminütigen Fahrt in das Inseldorf eine einleuchtende Erklärung einfiel, warum sie den jungen Mann noch einmal sehen musste. Vielleicht konnte sie behaupten, dass sie ihren nächsten Urlaub in Italien verbringen wollte, und ihn um ein paar Reisetipps bitten. Das war auch nicht unwahrscheinlicher, als dass jemand fünf Kilometer über eine Insel radelte, um Eier zu kaufen. Am besten wäre es natürlich, ihm zufällig über den Weg zu laufen.

Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Obwohl Lena in jedem Café von Wittdün nachsah und den kompletten Strand ablief, traf sie den Italiener nicht. Also musste ihre Notlüge zum Einsatz kommen. Ernüchtert stellte sie ihr Rad vor der Weißen Düne ab.

Der Empfang war nicht besetzt, aber nachdem sie einmal geklingelt hatte, erschien Gesa Krayenborg. Ihre ehemalige Klassenkameradin hatte in Hamburg in einem noblen Hotel eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht und war vor kurzem auf die Insel zurückgekehrt, um ihren Eltern den Sommer über zur Hand zu gehen.

"Lena! Wie schön dich zu sehen! Was führt dich zu uns?", fragte Gesa freundlich. Ihre langen Haare waren einer schicken Kurzhaarfrisur gewichen. Ihre Gesichtshaut lag unter einer dicken Make-up-Schicht versteckt. Außerdem hatte sie mindestens zehn Kilo abgenommen, und statt Jeans und T-Shirt trug sie nun einen streng geschnittenen Hosenanzug. Lena erkannte ihre Sandkastenfreundin kaum wieder.

"Ja … also …", druckste sie etwas herum, bevor sie sich dazu sich dazu entschied, zum Punkt zu kommen. Sie schuldete Gesa schließlich keine Erklärung. "Ich möchte zu einem eurer Gäste. Er heißt Matteo Forlani. Kannst du nachschauen, ob er auf seinem Zimmer ist?"

"Du möchtest zu dem Italiener!" Gesas Lippen kräuselten sich. Allerdings nur kurz, dann wurde ihre Miene wieder professionell. "Tut mir leid. Er ist abgereist."

"Was?" Lenas fiel die Kinnlade herunter. "Wieso …?"

Gesa zuckte mit den Schultern. "Mich hat es auch gewundert. Er ist schließlich erst gestern Abend angekommen."

"Gestern Abend erst, wirklich?" Dann konnte sie ihm vor seinem Besuch unmöglich begegnet sein. Sie hatte gearbeitet.

"Ja, natürlich. Warum sollte ich dich anlügen?", fragte Gesa verstimmt.

"Natürlich denke ich das nicht, ich bin nur so … enttäuscht", beeilte sich Lena zu versichern. "Ich … Wir waren heute eigentlich verabredet."

Gesa war besänftigt. "Seltsam! Das Zimmer hat er bis morgen bezahlt. Aber dann kam er vorhin auf einmal zu mir und sagte, er müsse nach Italien zurück. Wegen einer dringenden Familienangelegenheit. Bist du sicher, dass er dich nicht angerufen und abgesagt hat?"

Lena nickte. Er war also fort. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle.

"Ich fand ihn auch sehr nett", sagte Gesa, um sie zu trösten.

Lena lächelte gezwungen. Sie verabschiedete sich von Gesa und verließ das Hotel. Als sie schon auf dem Fahrrad saß, hörte sie auf einmal jemand ihren Namen rufen. Sie blickte sich suchend um und sah Marle, eine Freundin von Oma Hilde, hinter einer Hausecke.

"Lena!", rief die alte Frau noch einmal leise und winkte sie zu sich.

Lena runzelte die Stirn. Warum tat Marle denn so geheimnisvoll? Sie stieg vom Fahrrad und ging zu ihr.

Die alte Frau packte sie am Arm. "Ich habe gesehen, wie du mit der jungen Chefin gesprochen hast", flüsterte sie und zog Lena in den Fahrradkeller.

"Geht es um Oma Hildes Geburtstag?"

Marle schüttelte den Kopf. Die alte Frau war blass, und ihre hellblauen Augen blickten hektisch umher. "Nein, um einen der Gäste." Lenas Herz machte einen überraschten Hüpfer. Um Matteo Forlani?

"Was ist mit diesem Gast?", fragte sie mit trockenem Mund.

"Er hat etwas in seinem Zimmer liegen lassen", flüsterte Marle weiter. "Ich habe gerade überlegt, was ich damit mache, da habe ich dich gesehen … Es …" Sie zögerte kurz, bevor sie tief Luft holte und hervorstieß: "Komm am besten mit und schau es dir an. Aber psst!" Marle legte einen Zeigefinger an die faltigen Lippen. "Die junge Chefin wäre nicht begeistert, wenn sie mitkriegt, dass ich jemand in die Zimmer lasse."

Nervös folgte Lena der winzigen, dürren Frau durch den Fahrradkeller ins Hotel. Mit dem Aufzug fuhren sie in den zweiten Stock hinauf. Vor einer weiß gestrichenen Zimmertür am Ende des Ganges blieben sie stehen. Marle schaute sich kurz um. Dann schloss sie die Tür auf und hinter ihnen gleich wieder zu.

"Und jetzt?", fragte Lena.

Statt einer Antwort drückte die alte Frau Lena in einen Sessel und reichte ihr die braune Ledermappe, die neben dem Telefon auf dem Schreibtisch gelegen hatte.

Lena warf einen kurzen Blick darauf. "Das ist die Mappe mit den Hotelinfos", sagte sie enttäuscht. "Was soll ich damit?" War Marle verrückt geworden?

Für einen Moment verzogen sich Marles Lippen zu einem listigen Lächeln. Dann wurde sie wieder ernst. "Ja, das habe ich auch zuerst gedacht." Sie nickte. "Deshalb wurden die Mappen wohl auch vertauscht."

Vertauscht? Lena klappte das lederne Deckblatt um. Tatsächlich! Das hier war nicht der Ordner, der die Gäste darüber informierte, wann es Frühstück gab und zu welchen Zeiten die Sauna geöffnet hatte. Zwar gab es eine Ringbuchhalterung aus Metall, aber die darin eingehefteten Blätter waren unbeschriftet. Lena überprüfte es, indem sie sie die Mappe fahrig durchblätterte. Außerdem gab es Fächer für EC-Karten, zwei Stiftehalterungen für Kugelschreiber und ein Netzfach. Polaroid-Fotos steckten darin. Lena sah Marle an. Die alte Frau nickte ihr zu. Mit zittrigen Fingern öffnete Lena den Reißverschluss und zog die Fotos heraus. Dann stieß sie einen unterdrückten Schrei aus. Gut, dass sie saß. An eine weiße Steinmauer gelehnt, vor einem azurblauen Himmel, stand ihre Mutter Mariella.

 

Mariella - Ravello, September 1972

Mariella hätte nicht gedacht, dass sie sich jemals darauf freuen würde, dass die Schule wieder anfing. Aber als sie die Tür des Eingangsportals öffnete und der Klang heller Stimmen sie empfing, empfand sie Erleichterung darüber, dass die schreckliche Langweile der vergangenen Wochen endlich vorbei war. Am Anfang der Ferien hatte sie es noch genossen, nichts lernen zu müssen. Sie hatte im Garten gelegen und gelesen. Sie war mit der Staffelei, die Babbo Antonio ihr aus ein paar Holzstreben gebaut hatte, durch das Dorf und die Macchia gezogen und hatte alles gemalt, was ihr vor den Pinsel kam. Sie hatte mit ihren Kaninchen gespielt. Ferula, die Babbo seit Mammas Tod im Haushalt half und für sie kochte, hatte ihr das Töpfern beigebracht. Und sie hatte Limoncello gekocht. Das Rezept stammte von der Nonna ihrer Mamma, und es war sehr gut. Zumindest sagte das jeder im Dorf. Nur ihr Vater fand es noch nicht gut genug. Schon als ihre Mutter noch gelebt hatte, hatten die beiden ständig versucht, es zu verbessern. Sie hatten das Mischverhältnis von Zucker, Wasser und Alkohol geändert oder die Zitronenschalen unterschiedlich lange im Alkohol ziehen lassen, aber richtig zufrieden waren sie nie gewesen. Seit Mammas Tod experimentierte Babbo noch viel fleißiger damit, und manchmal half Mariella ihm dabei.

"In den Ferien bist du viel zu oft allein oder mit uns alten Leuten zusammen", hatte Babbo erst vor ein paar Tagen zu ihr gesagt. Da hatte sie neben ihm an der Küchenanrichte gestanden und die dicken Zitronenschalen in hauchzarte Scheiben gehobelt.

Auch Mariella war froh, wieder mit Kindern spielen zu können.

Zum Glück war Dorota, ihre beste Freundin, gestern von ihrer Nonna aus Sorrent zurückgekommen. Freudestrahlend lief Mariella auf sie zu und begrüßte sie. Doch Dorota war nicht richtig bei der Sache.

"Schau mal!", sagte sie, nachdem sie Mariella umarmt hatte. Sie zeigte auf eine blasse, ganz in Weiß gekleidete Frau, die sich mit dem Lehrer, Signore Ferrari unterhielt. Ihre glatten blonden Haare waren im Nacken zu einem vornehmen Knoten geschlungen. Neben ihr standen zwei Kinder, die beide ebenso fein aussahen wie sie. Mariellas Herzschlag geriet ins Stocken. Da waren das Mädchen und der Junge, denen sie vor ein paar Wochen auf dem Treppenweg begegnet war!

Den ganzen nächsten Tag hatte sie sich dort herumgedrückt, trotz der staubigen Hitze, um die Tochter von Salvatore Forlani noch einmal zu treffen. Aber als es Abend wurde und der Glockenturm von Ravello sie mit sieben dumpfen Schlägen ermahnte, sich auf den Heimweg zu machen, hatte sie sich eingestanden, dass Francesca nicht mehr kommen würde. Dass sie vermutlich nie vorgehabt hatte zu kommen. Die Enttäuschung und der Groll, die sich in den darauffolgenden Tagen in ihr angestaut hatten, brodelten jetzt erneut in ihr auf.

Mariella senkte den Kopf und ließ sich die langen Haare vors Gesicht fallen, damit das Mädchen sie nicht erkannte. Doch ihr Lehrer hatte sie bemerkt. "Mariella!", rief er, und als Mariella nicht reagierte, rief er noch einmal schärfer: "Mariella, komm her!"

Nur widerwillig gehorchte sie.

"Wir haben eine neue Mitschülerin in unserer Klasse. Sie heißt Francesca Forlani", erklärte er ihr, während sie den Blick starr auf seinen Hemdkragen gerichtet hielt, um weder ihm noch den Kindern oder ihrer vornehmen Mutter in die Augen sehen zu müssen. Neben ihr hörte sie Dorota Luft nach Luft schnappen. Auch ihr Vater arbeitete für Salvatore Forlani. "Bitte zeig Francesca das Klassenzimmer!"

Mariella nickte schweigend. Dabei traf ihr Blick den des Jungen. Er schaute weg.

Sie wandte sich brüsk zum Gehen, und nur das Klappern der Absätze feiner Schuhe in ihrem Rücken verriet ihr, dass nicht nur Dorota, sondern auch Francesca ihr folgte. Kurz bevor Mariella das Klassenzimmer erreichte, wurden die klappernden Schritte auf einmal schneller. Leuchtend rote Lackschuhe tauchten neben ihren braunen Sandalen auf. Eine weiche Hand berührte sie am Arm.

"Es tut mir leid, dass ich nicht gekommen bin", flüsterte Francesca ein wenig atemlos. "Mamma ist mit mir und Alfi nach Neapel gefahren. Zu unserer Tante. Meine Mutter langweilt sich so in Ravello."

Mariellas Herz begann heftig zu schlagen. Das Mädchen hatte doch mit ihr spielen wollen! Und nun wusste sie auch den Namen des Jungen. Er hieß Alfi.

Als Mariella mit Francesca und Dorota das Klassenzimmer betrat, verstummte das fröhliche Geplapper schlagartig. Mariella wäre angesichts der vielen forschenden Blicke bestimmt tiefrot angelaufen, doch Francesca hielt den Blicken ihrer neuen Klassenkameraden mit hocherhobenem Kopf stand.

"Wo sitzt du?", fragte sie Mariella in gebieterischem Ton.

Überrumpelt zeigte sie auf eine Bank an der Fensterseite des Zimmers.

"Da ist aber schon mein Platz", protestierte Dorota.

Francesca beachtete sie nicht, sondern steuerte unbeirrt die Bank an und legte dort ihre lederne Schultasche auf die Tischplatte.

Mariella zuckte hilflos mit den Schultern.

"Aber …", begann Dorota noch einmal, doch da erschien schon Signore Ferrari.

"Neben Rebecca ist noch ein Platz frei", sagte er, ohne Dorotas Murren weitere Beachtung zu schenken.

Mit finsterem Blick ließ sich Dorota neben dem dicklichen Mädchen nieder. In Rebeccas Haus wohnten mindestens zwanzig Katzen, und aufgrund des seltsamen Geruchs, der sie immer umgab, wollte niemand aus der Klasse neben ihr sitzen.

Signore Ferrari stellte Francesca den anderen Kindern vor. Dann teilte er die neuen Lehrbücher und den Stundenplan aus und begann mit dem Unterricht.

Während Mariella versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was der Lehrer erzählte, schob Francesca ihr einen Zettel zu.

Um vier am Treppenweg? Dieses Mal komme ich bestimmt, stand darauf.

In Mariellas Magen breitete sich ein warmes Gefühl aus. Die gekränkten Blicke, die Dorota ihr zuwarf, beachtete sie nicht.

Nach der Schule lief sie gut gelaunt nach Hause. Sie konnte es gar nicht abwarten, bis es endlich vier Uhr war. Babbo hatte heute frei. Durch das Küchenfenster sah sie, wie er mit hochgekrempelten Ärmeln am Herd stand und in dem riesigen, gusseisernen Topf rührte, der noch von Mariellas Nonna stammte. Dabei pfiff er vergnügt vor sich hin.

Mariella betrat die Küche. Der Geruch von Alkohol und Zitronen war betäubend. Sie begrüßte Babbo, der sich schwungvoll mit einem Holzlöffel in der Hand nach ihr umdrehte.

"Ich habe es herausgefunden", sagte er und grinste dabei so breit, dass Mariella beinahe seine Backenzähne sehen konnte. "Ich weiß jetzt, wie ich das Limoncello-Rezept deiner Nonna noch besser machen kann. Ich muss die Zitronenschalen in Wein anstatt in Korn ziehen lassen. Da hätte ich schon längst drauf kommen können. Probier mal!" Er tauchte den Löffel in die gelbe, brodelnde Flüssigkeit und hielt ihn ihr hin.

Mariella verzog das Gesicht. "Babbo, ich bin erst zwölf."

"Stimmt! Das habe ich bestimmt nur vergessen, weil du schon wie eine richtige junge Dame aussiehst." Er wirbelte sie herum. An seinem süßen Atem merkte Mariella, dass er schon ziemlich viel Limoncello probiert hatte. Er ließ sie wieder auf den Boden gleiten. "Schade, dass deine Mamma das nicht mehr erlebt", sagte er. "Sie hat immer davon geträumt, hier in Scala ein kleines Geschäft zu haben, in dem sie Limoncello an die Touristen verkauft. So wie Ferula es mit ihren Töpferwaren und Handarbeiten macht."

Das wusste Mariella natürlich, aber sie hörte Babbo trotzdem gerne zu. Er packte sie an den Schultern und sah sie ernst an. "Vielleicht tue ich das jetzt für sie." Sein Gesicht sah erhitzt aus, und seine braunen Augen strahlten. "Irgendwann eröffne ich das Geschäft. Dann bin ich mein eigener Herr und muss mich nie wieder für solche porcos wie Salvatore Forlani abplagen."

 

Lena

Mariella konnte auf dem Bild nicht älter als achtzehn sein. Ihr Gesicht war runder, als Lena es in Erinnerung hatte. Die Züge wirkten weicher. Strahlend lächelte ihre Mutter in die Kamera. Es war kein aufgesetztes Lächeln, sondern ein echtes, das aus einem Moment absoluter Unbeschwertheit heraus entstanden sein musste und das ihr ganzes Gesicht erhellte. Sie sah aus, als ob sie sich über etwas köstlich amüsierte.

Lena betrachtete das nächste Foto. Es zeigte ein paar Zitronenbäume. Schwer und prall hingen die Früchte von den Zweigen. Mariella stand mit halbgeschlossenen Augen davor und tat so, als würde sie an einer kleinen weißen Blüte riechen. Zitronen reifen und blühen gleichzeitig. Ihr Duft hört nie auf! Dieser Satz kam Lena ganz spontan in den Sinn. Bestimmt hatte sie ihn von ihrer Mutter.

Auf dem dritten Foto stand die junge Frau vor einer Säule. Sie trug ein festliches Kleid, ihre Wangen waren gerötet, die Lippen leicht geöffnet. Sie sah ein wenig erstaunt aus. Verwirrt. Vielleicht war sie von dem Fotografen überrascht worden. Und es lag so viel Liebe und Sehnsucht in ihrem Blick, dass Lena schluckte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre Mutter jemals ihren Vater so angesehen hatte.

Lena drehte die Fotos um, um auf der Rückseite nach weiteren Hinweisen zu suchen, nach Namen oder Ortsangaben, aber die weichen, schon etwas verblassten Bleistiftbuchstaben verrieten lediglich das Jahr, in dem die Fotos aufgenommen worden waren: 1978. Lena schaute sich noch einmal das letzte Foto an. Es berührte sie tief. Wer auch immer der Fotograf gewesen war, er musste einen ganz besonderen Platz in Mariellas Herzen eingenommen haben.

Eine raue Hand legte sich auf ihren Arm, und Lena zuckte zusammen. "Deine Mutter war eine wunderschöne Frau", sagte Marle.

Lena nickte wehmütig. "Ich weiß so wenig von ihr."

Die alte Frau legte den Kopf schief und sah sie mitfühlend an. "In dem Zimmer hat ein junger Mann gewohnt. Ein Ausländer. Hast du eine Ahnung, wie er an die Fotos gekommen ist?"

Matteo Forlani! Natürlich. Lena erhob sich mit einem Ruck. In den letzten Minuten hatte sie so sehr von dem früheren Leben ihrer Mutter gefangen nehmen lassen, dass sie an ihn gar nicht mehr gedacht hatte. Dabei war er das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht hatte er Mamma sogar gekannt … Sie klemmte sich die Mappe unter den Arm.

"Ich muss zu Gesa", sagte sie.

"Ich soll was?" Gesas Augen wurden groß. "Das geht nicht. Ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz ist strafbar. "

Lena beugte sich so weit über den Empfangstisch, dass ihr blonder Zopf auf dem hellen Holz zum Liegen kam. "Das weiß ich doch", sagte sie leise. "Aber ich verspreche dir, dass nie jemand davon erfahren wird. Lass mich nur einen kurzen Blick in deinen Computer werfen. Du könntest in der Zwischenzeit auf die Toilette gehen."

"Der Computer ist passwortgeschützt."

"Dann logg dich eben vorher ein." Lena konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme zunehmend ungeduldig klang.

Doch auch Gesa hatte genug. "Nein, Lena, tut mir leid. Ich werde auf gar keinen Fall die Existenz des Hotels wegen einer albernen Verliebtheit aufs Spiel setzen."

Alberne Verliebtheit! Lena war empört. Sie war schon drauf und dran, Gesa daran zu erinnern, dass sie sie im Mathematikunterricht immer hatte abschreiben lassen. Doch ein Blick auf Gesas zugekleistertes Gesicht und ihre zusammengekniffenen Lippen machte ihr schnell klar, dass das nichts ändern würde. Ob sie ihr von den Fotos erzählen sollte? Doch dann hätte sie Marle ins Spiel bringen müssen. Und Marle war darauf angewiesen, ihre kümmerliche Rente durch den Putzjob im Hotel aufzustocken. Es war zum Verrücktwerden! Der Schlüssel zur Vergangenheit ihrer Mutter lag nur eine Armlänge von ihr entfernt, doch genauso gut hätte er sich in Nowosibirsk befinden können, so unerreichbar war er für sie.

Nicht nur wegen des starken Winds, der sich ihr entgegenstemmte, brauchte sie für den Rückweg fast doppelt so lang wie für den Hinweg. Jegliche Kraft war ihr abhandengekommen, und die Mappe, die sorgsam verstaut in ihrem Lederrucksack steckte, schien sie nach unten zu ziehen. Voller Erleichterung sah sie die ersten Reetdachdächer von Nebel vor sich auftauchen. Aber anstatt nach Hause zu radeln, ließ sie den Strunwai links liegen und fuhr stattdessen zur Dorfmitte. Oma Hilde war nicht zu Hause, sondern in ihrem Souvenirladen.

Wie immer während der Saison waren die kleinen Sträßchen im Zentrum von Nebel vollgestopft mit Touristen. In Schlangenlinien musste Lena um sie herumfahren. Sogar auf dem Friedhof der St-Clemens-Kirche, wo es in den Wintermonaten immer so still war, tummelten sie sich. Sie wollten sich die Erzählenden Steine anschauen, für die Amrum so berühmt war.

Lange Zeit waren die Grabsteine so stark verwittert und beschädigt gewesen, dass sie in Vergessenheit geraten waren. Doch nachdem Oma Hilde und die anderen Mitglieder der Kirchengemeinde fleißig Spenden gesammelt hatten, waren sie restauriert worden. Nun waren die Geschichten der Amrumer Familien, die im 17. und 18. Jahrhundert auf der Insel gelebt hatten, wieder für jeden lesbar.

Im Vorbeifahren ließ Lena ihren Blick über die Reihen gleiten und wünschte sich, auch für ihre Mutter hätte es einen solchen Grabstein gegeben. Aber es gab ja nicht einmal ein Grab, sondern nur einen Gedenkstein, denn ihre Leiche war niemals an Land geschwemmt worden. Oma Hilde meinte, es sei besser so. Dadurch könnten sie alle Mariella genauso in Erinnerung behalten, wie sie zu Lebzeiten gewesen war. Außerdem hatte sie mit der Kirche ohnehin nichts anfangen können.

Eine Erinnerung flackerte in Lena auf.

"Warum gehst du nie mit Oma und Papa in den Gottesdienst?", hatte sie ihre Mutter gefragt, als sie an einem windigen Sonntagmorgen anstatt in einer Kirchenbank am Strand gesessen und in die tosenden grauen Wellen geschaut hatten - sie, Mamma und Zoe, eng aneinander gekuschelt.

"Ich muss nicht in die Kirche gehen", hatte Mariella ihr geantwortet. "Meinen Frieden finde ich hier." Sie hatte erst Lena und dann Zoe einen Kuss auf die weiche Kinderwange gedrückt. "Und natürlich bei euch." Obwohl sie bei diesem Satz gelacht hatte, meinte Lena eine gewisse Traurigkeit aus ihrer Stimme herauszuhören.

Das Windspiel aus Muscheln klimperte melodisch, als Lena das Schatzkästchen betrat. In dem kleinen Souvenirladen bot Oma Hilde nicht nur mit Amrum-Motiven bedruckte Tassen, Teller und Aschenbecher, Wimpel, Schiffsmodelle, Leuchttürme und Kleidungsstücke an, sondern auch Lenas Meerglasschmuck. Normalerweise blieb Lena immer kurz vor dem Schaufenster stehen, um zu sehen, ob eines ihrer Schmuckstücke verkauft worden war, doch dieses Mal stürmte sie ohne nach links und rechts zu schauen hinein. Oma Hilde stand hinter der Theke und packte für eine junge Frau ein winziges Baby-T-Shirt ein.

Ungeduldig wartete Lena darauf, dass die Kundin bezahlte. Durch die Glastür sah sie, wie sich eine junge Frau mit einem Treckingrucksack auf dem Rücken dem Laden näherte. Schnell eilte sie zur Tür und drehte das himmelblaue Metallschild herum. Statt "Offen" stand da nun "Geschlossen". Wenn Oma Hilde erfuhr, was sie in ihrem Rucksack hatte, würde sie es verstehen. Doch die junge Frau steuerte weiterhin unbeirrt auf das "Schatzkästchen" zu. Ihre Beine in den engen Jeans waren endlos lang und dünn wie Mikadostäbchen. Auf ihrem schwarzen, ebenso engen T-Shirt war ein Buddha aufgedruckt. Die Ärmel waren herausgerissen, sodass Lena den tätowierten Löwenkopf erkennen konnte, der den Betrachter von ihrem rechten Oberarm aus anbrüllte. Die Frau hielt eine Eistüte in der Hand. Als eine Strähne ihrer langen Haare daran hängen blieb, strich sie sie mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück. Obwohl ihr Gesicht halb von einer großen roten Sonnenbrille bedeckt war, fing Lenas Puls an zu rasen. Nein! Das konnte nicht sein! Zoe hatte kein Tattoo. Oder doch?

Die Ladentür wurde so schwungvoll aufgestoßen, dass Lena zurückwich.

Die blonde Frau schob sich die Sonnenbrille ins Haar. Blaue Augen unter dichten dunklen Augenbrauen blitzten Lena an.

"Na, Schwesterherz!" Zoe grinste. "Bist du überrascht? Das schwarze Schaf ist wieder da."

Die Autorin

Katharina Herzog liebt es, über Menschen zu schreiben, die auf der Suche nach dem großen Glück sind. Dazu erfand die Autorin aus der Nähe von München schon früh Geschichten. Dann probierte sie erst mal das Leben als Journalistin aus, merkte dabei jedoch: Ihre Berufung liegt vielmehr darin, Bücher über die Liebe zu schreiben. Und über Menschen wie du und ich, bei denen plötzlich der Blitz einschlägt. In diesem Roman nimmt die Autorin den Leser mit auf die Reise von Amrum nach Italien.

Buchtipp

"Zwischen dir und mir das Meer" von Katharina Herzog ist für 12,99 Euro bei Rowohlt Polaris und für 4,99 Euro als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Ekaterina Koroleva; Fotos: PR

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© Autorenbild: privat


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