Faire Mode: Das müssen Sie beim Kauf beachten

Fair gehandelte Mode? Und dazu noch ökologisch produziert? Bloggerin Susanna Goonawardana verrät, worauf Sie beim Kauf achten müssen - und welche Labels richtig schicke Stücke im Sortiment haben.

Interview: Jens Wiesner

Neuer, fairer Look: "A Family Affair"-Bloggerin Susanna Goonawardana führt Mantel und Mützenschal von Musswessels spazieren.

Das Jahr 2011 hatte gerade begonnen, als Susanna Goonawardana einen folgenschweren Entschluss fasste: Ein Jahr lang wollte sich die junge Hamburgerin dem Shopping verwehren. Als Moderedakteurin und Stylistin - ausgerechnet!

Heute greift Goonawardana zwar wieder häufiger zu, wenn sie ein schönes Stück im Schaufenster oder Internet erspäht hat. Aber ihr Bewusstsein für den Konsum hat sich nachhaltig gewandelt. Wo immer es geht, versucht sie nur solche Kleidung zu kaufen, die unter fairen Arbeitsbedingungen und ökologisch einwandfrei hergestellt wurde. Kein leichtes Unterfangen, wie sie uns im Interview verrät.

Wie alles begann...

LAVIVA.com: Wann haben Sie damit angefangen, Mode nach ökologischen und fairen Gesichtspunkten auszuwählen?

Susanna Goonawardana: "Ich habe schon einmal damit experimentiert, ein Jahr lang bewusst nichts zu kaufen, aber so richtig kam es erst mit der Geburt meines Kindes ins Rollen. Da habe ich angefangen mir Gedanken darüber zu machen, was in Kleidung steckt und was ich an meinen Körper lassen möchte. Gleichzeitig ist mir aber auch wichtig, dass es nicht nur um Chemiefreiheit der Kleidung geht, sondern dass die Sachen auch fair hergestellt und die Menschen in den jeweiligen Herstellungsländern gut behandelt werden."

Machen Sie sich Sorgen über Chemikalienrückstände in konventioneller Mode?

"Ja. Ich hatte ein paar Reportagen gesehen, in denen es darum ging, wie Jeans gefärbt werden und wie Leder hergestellt wird. Dabei werden Substanzen benutzt, die man nicht unbedingt auf der Haut haben will, gerade auch nicht für einen längeren Zeitraum. Das fängt ja schon mit der Baumwolle an, die mit Pestiziden bespritzt wird. Als ich mich dann genauer mit dem Thema auseinandergesetzt habe, wurde mir klar, dass es mit der normalen Herstellungsweise gar nicht anders geht. Mode aus dem Second-Hand-Laden ist da übrigens viel besser, auch wenn sie ursprünglich konventionell produziert wurde. Die wurde ja schon hundertmal gewaschen, da ist keine Chemie mehr drin."

Wer sich als Neuling mit grüner und fairer Mode auseinandersetzt, wird schnell erschlagen von der Komplexität des Themas. Wie gelingt der Einstieg, ohne die Geduld zu verlieren?

Man sollte der Sache Zeit geben und nicht versuchen, von heute auf morgen auf 100 zu schalten. Die Welt veränderst du auch nicht an einem Tag. Am besten nach und nach Dinge zum Thema nachhaltige Mode recherchieren und schauen, was die einzelnen Stores so im Angebot haben. Bei mir war es auch ein Prozess, der über einen längeren Zeitraum stattgefunden hat.

Grün, fair - und schick

Wie schwer ist es, schicke faire und ökologische Mode zu finden?

"Basics sind meistens kein Problem. T-Shirts zum Beispiel gibt es in Hülle und Fülle. Was selten ist, sind Jeans. Da kommt zu den Problemen mit der Färbung noch ein hoher Wasserverbrauch beim Herstellungsprozess dazu. Und natürlich wird es schwierig, wenn man einen besonderen Modegeschmack hat, vor allem, wenn es etwas Schickeres sein soll."

Das alte Klischee vom sackigen Müsli-Look passt noch immer... ?

"Wir sind noch nicht ganz davon ab. Es gibt schon geile Designer. Aber man muss schon genau wissen, bei welchen Labels man gucken muss. Ein T-Shirt, auf dem groß 'I love nature' draufsteht, wäre auch nicht meins."

Haben Sie gerade ein Lieblingslabel?

"In diesem Jahr war ich beim Green Showroom während der Fashion Week in Berlin. Da gab es ein paar Highlights, die ich sofort anziehen würde. Elsien Gringhuis aus Amsterdam finde ich zum Beispiel super. Die Sachen sind zeitlos schlicht und können saisonunabhängig getragen werden."

Grenzen des guten Willens

Aber will man nicht manchmal gerade das - Teil eines Trends sein?

"Ja, natürlich! (lacht) Ich bin da ein bisschen in der Zwickmühle. Man darf es auch nicht zu extrem verbissen betreiben. Es ist doch nur menschlich, dass man hin und wieder einfach was Cooles haben will."

Also tragen Sie mittlerweile nicht ausschließlich ökologisch und faire Mode?

"Nein. Ich habe ja auch noch eine Menge Sachen aus der Zeit davor. Die schmeiße ich ja nicht weg. Und manchmal gibt es einfach Teile, bei denen man denkt: Boah, die sind so schön, da greif ich jetzt mal zu... Aber es gibt einen Trick, mit dem man auch Bio-Basics toll aufpeppen kann: Im Moment sind Badges und Pins wieder total angesagt. Damit lässt sich jeder Look aufwerten und individualisieren. Und so ein neues Kleidungsstück entwerfen, ohne dass man es neu kaufen muss."

Gibt es eine Schmerzgrenze preislich?

"Es kommt drauf an, was für ein Kleidungsstück es ist. Für ein T-Shirt werde ich nicht so viel ausgeben wie für einen Mantel oder Schuhe. Ich kauf im Moment aber generell ganz, ganz wenig. Dann kann man schon einmal in ein teureres Stück investieren. Die Hamburger Designerin Musswessels zum Beispiel macht ganz tolle Mäntel. Die kosten dann allerdings auch 400 Euro. Es gibt auch coole Sneaker von Veja, die nicht teurer sind als die Pendants von Nike oder Adidas."

Falsche Freunde

Kleidungsstücke, die für wenige Euro über die Ladentheke gehen, können nicht bio oder fair gehandelt sein. Gilt auch der Umkehrschluss: Je teurer, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Kleidungsstück bio und unter fairen Arbeitsbedingungen entstanden ist?

"Nein. Es kann sein, dass die Chanel-Jacke genauso in Bangladesch hergestellt wurde wie Discounter-Ware. Gerade viele große Designer produzieren genauso billig. Überhaupt ist es schwierig, von einem fairen Preis zu reden. Man weiß ja nie, wieviel vom Endpreis z.B. ins Marketing gegangen ist. Im Grunde müsste man von den Nähern ausgehen oder den Baumwollpflückern und schauen, ob die fair bezahlt werden. Aber das kann man ja nur in den seltensten Fällen im Laden nachvollziehen."

Bietet das Gütesiegel "Made in…" einen Hinweis, ob ein Kleidungsstück fair produziert wurde?

"Nein. Da ist nur der 'letzte wesentliche Produktionsschritt' entscheidend. Das hab ich auch immer wieder von großen Designern gehört. Da steht dann "Made in Italy" drin, weil das natürlich auch eine tolle Marke ist. Aber eigentlich wurde das Stück komplett in Bangladesch genäht - und nur noch das Label oder die Knöpfe in Italien eingesetzt. Oder, was es auch gibt: Ganz viele Chinesen sitzen in einem kleinen Loch, sehen nie das Tageslicht, aber das passiert dann halt in Italien."

Die Großen springen auf

Wie hat sich der Markt für faire und ökologische Mode in den letzten Jahren verändert?

"Es gibt auf jeden Fall ein größeres Angebot. Das sieht man schon an den großen Ketten wie H&MReserved oder Zara. Wenn die Kleidung aus Bio-Baumwolle ins Sortiment nehmen, dann weiß man, es kommt langsam im Bewusstsein an. Aber auch in kleineren Ateliers wird es den Modedesignern immer wichtiger, wer die Mode herstellt und wie sie produziert wird."

Wie finden Sie das?

"Im Grunde genommen ist es ja eine gute Entwicklung. Aber ich bezweifele, dass das tatsächlich gute Mode ist. Die Arbeitsbedingungen werden dadurch ja nicht besser: H&M wird seinen Näherinnen nicht plötzlich allen mehr Geld zahlen, nur weil sie jetzt auch Bio-Baumwolle führen. Und es ist auch ein bisschen... Ich will jetzt nicht sagen: verlogen... Du machst mit einer besonders grünen Kollektion wie der Conscious-Collection Werbung, die aber nur einen kleinen Teil des Angebots im gesamten Store ausmacht. Es klingt halt gut, ist gut für's Image. Aber dadurch werden die Ketten nicht besser."

Nachhaltig einkaufen für die ganze Familie

Welche Alternativen gibt es zum Kauf von grüner und fairer Mode?

"Second-Hand-Läden oder Tauschbörsen wie Kleiderkreisel sind natürlich immer gute Alternativen, weil die Ware bereits produziert wurde. Ein spannendes Konzept bietet auch die Hamburger Kleiderei: leihen statt kaufen. Oft liegt der Spaß ja gerade darin, etwas Neues zu haben. Für eine monatliche Gebühr (derzeit 34 Euro, inkl. Hin- und Rückversand) kann man sich in der Kleiderei vier Teile aussuchen. Wenn man das Gefühl hat, jetzt reicht es, schickt man sie wieder zurück und bekommt vier neue Teile. Die Kleiderei hat viele junge Designer im Programm (z.B. Herr von Eden), die aber nicht unbedingt bio sind."

Stichwort Herren- und Kindermode: Wo kaufe ich bio und fair für die ganze Familie ein?

"Für Kinder und Babys gibt’s ganz viel: Hessnatur hat einiges im Programm, CharLe aus Berlin bietet z.B. mitwachsende Hosen und T-Shirts. Aber klar: Wenn man alle Sachen neu kauft - und dann auch noch fair und bio - wird man natürlich arm. Deswegen kaufe ich Sachen meist zu groß ein, dann kann mein Sohn reinwachsen. Oder ich tausche Kinderkleidung mit befreundeten Eltern oder schaue auf Mamikreisel. Da kann man nicht nur gebrauchte Kindermode, sondern auch Nützliches wie Kinderwägen finden.

Bei Männern gibt es noch keine wahnsinnig große Auswahl - auch, weil die Nachfrage geringer als bei Frauen ist. Am besten stöbert man online in Stores wie Glore oder Avocado. Gerade Glore hat viel Streetware und Jeans im Angebot, z.B. von Armedangels."

 

"A Family Affair" - nachhaltiges Leben für die Familie

Die Geburt ihres Sohnes hat das Leben von Bloggerin Susanna Goonawardana ganz schön auf den Kopf gestellt: In ihrem neuen Blog "A Family Affair" schreibt sie darüber, wie ein nachhaltiges Leben als Kleinfamilie gelingen kann. Und dabei geht es nicht (nur) um faire Mode...


© Fotos: Susanna Goonawardana/A Family Affair


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