Seife: Nostalgie, die schäumt

Ein Stück Seife im Badezimmer ist wie ein Stück Vergangenheit zu Hause zu haben: Kaum ein Beauty-Artikel trägt so eine lange Geschichte in sich. Wir haben mit einer Seifensiederin gesprochen und uns ihre erzählen lassen.

Seife hübsch verschnürt

 

In Berlin-Lichtenrade, tief im Süden der Hauptstadt, stellt Regine Klimes im Keller ihres Hauses Seife her. Für sie ist das in etwa so wie "Vanillepudding kochen" – sagt sie selbst. Zwischendurch nähmen die duftenden Stücke die Konsistenz von Butter an oder auch einem Kastenkuchen, bis sie vor dem Verkauf noch heranreifen müssten wie ein guter Wein. So lecker der gesamte Prozess klingt, den die einstige Sozialpädagogin zu ihrer hauptberuflichen Aufgabe gemacht hat, so lecker klingen am Ende auch die schäumenden Ergebnisse: Über ihren Online-Shop "Haupfstadt-Seife.de" verkauft sie unter anderem die Sorten Mango-Vanille, Kokos-Shake oder Pfefferminz.

Seifen, die nach Nachtisch klingen

Im Interview erzählt Regine die spannende Geschichte, wie sie durch einen nostalgischen Beauty-Artikel zur erfolgreichen Gründerin und Unternehmerin wurde, warum Seife derzeit so modern ist – und wie ihre Schaumstück wiederum den Weg in einen alten Kondomautomaten fanden.

Von Beruf Seifensiederin

LAVIVA.com: Seife ist etwas sehr Ursprüngliches und vor allem im Alltag unserer Mütter und Großmütter verankert. Was ist Ihr persönlicher Bezug dazu?

Regine Klimes: "Tatsächlich hat meine Mutter ihr Leben lang Seife gesammelt. Diese Seifestücke lagen in meiner Kindheit immer überall herum – in der Küche, im Bad, in Schränken. Damit die Wäsche duftete, legte man Seife ja früher viel in Schränke. Später haben mich die duftenden Stücke auf den Märkten magisch angezogen. Ich habe mich nicht satt riechen können. Dass ich heute hauptberuflich Seife mache, hat aber definitiv mehr damit zu tun, dass ich schon immer kreativ veranlagt war und handwerklich viel ausprobiert habe. Dazu kam, dass ich aus meinem alten Job raus wollte. Nach über 20 Jahren als Sozialpädagogin sehnte ich mich nach etwas anderem."

Vom Sozialberuf zur Seifensiederin: Wie sah Ihr Weg dorthin aus?

"Zusammen mit einer Freundin hatte ich damals bereits etwas Seife produziert. Unser Plan war es, uns gemeinsam selbständig zu machen, einen Laden in Berlin-Kreuzberg zu mieten und unsere Seifen dort zu verkaufen. Der Plan ging nicht auf. Als es losgehen sollte, waren die Mieten bereits viel zu hoch. Daraufhin stieg sie aus – ich machte allein weiter. Angefangen hat das alles etwa vor acht Jahren."

Wie wird man eigentlich Seifensiederin? Gibt es dafür eine Ausbildung?

"Nein, eine Ausbildung dafür gibt es in Deutschland tatsächlich nicht. Ich besuchte Workshops und Kurse für die Basics, las unglaublich viel – sowohl Fachliteratur, auch auch im Internet –, habe ohne Ende ausprobiert und mir anderes ganz genau zeigen lassen. Aber plötzlich stehst du alleine in deiner Werkstatt. Und dann klappt's nicht! Das hat mich am Anfang viele, viele Nerven gekostet. Am Ende macht es die Erfahrung."  

In der Seifenküche

Sie stellen Ihre Seife komplett bei Ihnen zu Hause her. Wie kann man sich das vorstellen?

"Damals sah das Ganze noch ziemlich wild aus. Als ich mit meiner Freundin Seife gemacht habe, fand das tatsächlich in der Küche einer Altbauwohnung statt. Da wurde erst mal die Katze ausgesperrt, das Hantieren mit Lauge ist schließlich nicht ganz ungefährlich – und los ging's! Heute produziere ich schon allein aus hygienischen Gründen in einer Werkstatt, die an eine typische Gewerbeküche erinnert. Sie ist etwa 30 Quadratmeter groß und befindet sich im Keller meines Hauses. Das Herstellen der Seife beschreibe ich gerne so: Ich koche Vanillepudding. Öle müssen erhitzt werden, irgendwann kommt Lauge zum Andicken dazu, dann Düfte, Kräuter und Pigmente. Diese Masse gieße ich in eine Form und packe diese wiederum isoliert ein. Nach 24 Stunden bis zu einer Woche ist die Seife schneidbar wie Butter – oder ein Kastenkuchen. Dann wird sie mit meinem Logo gestempelt und reift im Lager drei bis sieben Monate weiter. Deshalb vergleiche ich meine Seife auch gerne mit Wein: Sie muss liegen, bevor sie gut ist."

Wie sieht es in Ihrem Lager aus?

"Das ist gar nicht so groß, wie man vielleicht denken würde. Ich würde die Fläche auf etwa sechs bis acht Quadratmeter schätzen. Zum Glück sind Seifen perfekt zum Stapeln! Bei mir stapeln sie sich bis unter die Decke." 

Der Alleskönner im Bad

Was ist das Besondere an Ihren Seifen?

"Da alle meiner Seifen überfettet sind – das heißt, dass sich nicht alle Fette zu Seife verwandelt haben – sind sie sehr pflegend. Garantieren kann und darf ich das natürlich nicht, aber in der Regel ist nach dem Einseifen kein Eincremen mehr nötig. Ein weiterer Punkt ist, dass ich für die Herstellung keinerlei tierischen Produkte verwende – bis auf eine Ausnahme: In der Kokos-Shake-Seife ist Bienenwachs enthalten. Ansonsten achte ich darauf, ausschließlich gute Zutaten und fast ausschließlich Bio-Öle zu verwenden. 'Bio' kann ich meine Seifen trotzdem nicht nennen. Dafür bräuchte ich ein entsprechendes Zertifikat, das ziemlich kostenintensiv ist und regelmäßig erneuert werden muss."

Ob Mango-Vanille oder Kokos-Shake: Manche Ihrer Seifen klingen vom Namen her zum Anbeißen. Wie entwickeln Sie neue Sorten?

"Zum Teil besteht mein Sortiment aus den Basics, die ich persönlich gut finde. Tatsächlich richte ich mich aber vor allem nach den Kunden. Ich bekomme häufig Anfragen, ob ich nicht auch dies oder das hätte – wenn etwas mehrfach genannt wird, überlege ich, ob und wie eine Umsetzung möglich wäre. Meine Shampooseife mit Rosenduft, die noch recht neu im Sortiment ist, habe ich zum Beispiel nur, weil die Nachfrage nach einer Haarseife so groß war. Das Problem ist, dass ich mich leider nicht so ausspinnen kann, wie ich es gern wollte. Alle Seifen müssen der europäischen Kosmetikordnung unterliegen, die Rezepte bei einem Chemiker über den Tisch gewandert sein. Dieses Prozedere ist leider sehr kostspielig."

Das schäumende Phänomen

Haben Sie das Gefühl, dass der Trend zur Seife geht und sich die Leute nach diesen fast schon nostalgischen Stücken zurück sehnen?

"Absolut! Wenn ich auf Märkten stehe und verkaufe, kommen momentan viele junge, hippe Leute zu mir. Ansonsten reicht die Spannweite von 15 bis 80+. Familien mit kleinen Kindern kaufen spannenderweise eher selten oder nur sehr vereinzelt bei mir ein. Oft argumentieren sie, dass sie zu Hause lieber Flüssigseife haben. Ich habe das Gefühl, dass sie sich vor mir dann ein bisschen schämen. Aber müssen sie gar nicht! Flüssigseife kann ja manchmal wirklich praktischer sein. An einem Stück Seife als Geschenk finde ich vor allem toll, dass das kein 'Stehrumchen' ist, sondern ein Gebrauchsgegendstand. Früher konnte man Seife ja nicht verschenken – da lag die unterschwellige Botschaft, die andere Person solle sich mal besser waschen, viel zu nahe. Das ist heute zum Glück anders. Manche entscheiden sich für meine Seife auch als Berlin-Mitbringsel; wegen des Fernsehturm-Stempels."

Wenn Sie auf Märkten stehen, bekommen Sie sicherlich persönliches Feedback auf Ihre Produkte. Was war die schönste Seifen-Geschichte?

"Bei einem Sommer-Event 2015 kam eine Frau zu mir und erzählte, dass sie vor einem Jahr schon einmal ein Stück Seife gekauft hätte. Das sei nicht groß gewesen, maximal zwei Streichholzschachteln groß. Aber das habe gehalten und gehalten. Nun brauche sie ein neues Stück. Da habe ich mich total gefreut, dass sie so lange etwas von meiner Seife hatte. Manche meinen, weil sie so gut schäumt, würde sie sich schnell aufbrauchen. Aber das stimmt nicht."

Seife aus dem Automaten

Vor Ihrem Haus in Berlin-Lichterade haben Sie einen Automaten angebracht, aus dem man sich gegen Geld direkt Seifen ziehen kann. Wie kam es dazu?

"Das ist eigentlich ein alter Kondomautomat, den ich im Netz ersteigert habe, weil ich unbedingt Seife aus dem Automaten anbieten wollte. Das Problem: Die Seife passte da gar nicht rein, weil sie natürlich ganz andere Maße hatte. Also habe ich angefangen, dafür Sondergrößen anzufertigen, den Automaten lackieren lasen und ihn beklebt. Seit 2014 hängt er bei mir am Gartenzaun."

Das schreit nahezu nach lustigen Anektdoten …

"Einmal – ich war gerade mit der Gartenarbeit zugange – fuhr tatsächlich ein großes Auto, Typ Familienkutsche aus Nordfriesland vor. Da ich am Stadtrand wohne, war das für sich genommen schon ungewöhnlich genug. Aber dann stiegen zwei Frauen aus, um sich Seife aus dem Automaten zu ziehen. Es hakte etwas und sie bekamen die Seife nicht heraus. Schließlich sprach ich sie an. Da erzählten mir die eine, dass die beiden Schwestern seien. Sie selbst hatte schon öfter Seife aus meinem Automat gezogen, die andere sei gerade aus Nordfriesland zu Besuch und wolle das Erlebnis nun auch haben. Da es nicht klappte, fragte ich, welche Seife sie denn wollten. Ich würde ihnen einfach eine aus dem Lager bringen. Aber das wollten sie nicht. Sie wollten tatsächlich dieses Event – ihr Geld klackern hören, wie damals im Kaugummiautomaten, und sich dann ihre Seife ziehen. Das hat mich echt verblüfft."


© Fotos: Regine Klimes/www.hauptstadtseife.de


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