Basteln statt wegschmeißen

Der Staubsauger springt nicht mehr an? Rührstab und Küchengerät haben sich auseinander gelebt? Das Fahrrad klappert mehr, als dass es fährt? Da Neukaufen so einfach geworden ist, wandern kaputte Lieblinge ruckzuck auf den Müll. In sogenannten "Repair Cafés" zeigen Bastler, dass es auch anders geht. Erfahren Sie außerdem ganz konkret, wie Sie Ihr Fahrrad fit für den Frühling machen!

Seit Mai 2014 veranstalten Tobias Koßbiel und seine tatkrägtigen MitstreiterInnen in Stuttgart regelmäßig Veranstaltungenen, zu denen Bastelfreudige kaputte Gebrauchsgegenstände zur eigenständigen Reparatur mitbringen können. Hilfe zur Selbsthilfe, lautet das Motto dieses und anderer Repair Cafés, die inzwischen überall in Deutschland aus dem Boden sprießen. Im Interview mit LAVIVA.com erklärt Tobias Koßbiel, warum wird die Dinge wieder mehr (selbst) in die Hand nehmen sollten – und was das "Phänomen Repair Cafés" eigentlich genau ausmacht …

Wofür ein Repair Café?

LAVIVA.com: Mit dem Repair Café Stuttgart setzen Sie sich aktiv für Nachhaltigkeit ein. Haben Sie das Gefühl, damit ein Umdenken bei den Leuten auszulösen?
Tobias Koßbiel: "Bei allen bisher reparierten Dingen haben wir genau dies erfüllt: kein Neukauf, sondern die Weiternutzung des reparierten Gegenstandes. Natürlich ist uns klar, dass damit die Müllberge und das Verbraucherbewusstsein in recht bescheidenem Umfang verändert wurde. Aber: Wir reparieren bei jeder Veranstaltung um die 30-40 Gegenstände. Entscheidend sind hierbei vieleicht auch die Multiplikationseffekte, die von unseren Gästen ausgehen. Wer bei einer Reparatur mit Erschrecken festgestellt hat, wie sehr sein Gerät auf Kaputtgehen produziert wurde, überlegt sich bei einer Neuanschaffung zweimal, ob er zum Billig- oder zum Qualitätsprodukt greift. Außerdem entstehen bei unseren Treffen Gelegenheiten zur Vernetzung mit anderen Nachhaltigkeitsinitiativen. Menschen lernen sich kennen, tauschen sich aus und erweitern dadurch ihr Bewusstsein hinsichtlich einer nachhaltigeren Lebensgestaltung.

Warum schmeißen wir so vieles weg?

Sind die Leute zu faul oder ungeschickt, um Kaputtes zu reparieren oder greifen da eher jahrzehntelang geformte Konsumgewohnheiten?
"Die größte Problematik der heutigen Zeit sind nicht die Verbaucher, sondern eine Industrie und Konsumwirtschaft, welche die Verbraucher in Richtung Wegwerfgesellschaft zu manipulieren versucht. Natürlich macht es sich der Verbaucher innerhalb dieser Umstände bequem und gewöhnt sich an Artikel, die nicht nur faktisch, sondern auch psychologisch veraltern. Das immerneue Handy, die neueste Mode, der aktuelle Style bei Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen: Viele Menschen haben das Gefühl hier mithalten zu müssen, um Status und dergleichen aufrecht zu erhalten. Tatsächlich leiden viele Bürger an diesen Zuständen und wären gerne bereit, ihren Beitrag für eine nachhaltigere Welt zu leisten. Nur wie das geschehen kann, ist vielen Menschen aus dem Blickfeld geraten und auch nicht Bestandteil der gesellschaftlichen Debatten. Natürlich sind 'Kulturtechniken' wie Reparieren von Gegenständen, vor allem im städtischen Raum, auch nicht mehr Teil alltäglicher Praxis. Tatsächlich hat eine große Gewöhnung hinsichtlich des permanenten Konsumierens stattgefunden. Unsere Warenwelt löst sozusagen eine Sucht nach dem immer Neuen aus. Hier wollen wir ansetzen und erste Ansatzpunkte gegen eine soche Art des Wirtschaftens liefern."

Wer geht ins Repair Café?

Lässt sich der Wunsch danach, etwas Altes wieder heile zu machen, generationsbedingt festmachen? Kommen zu Ihnen mehr alte als junge Menschen?
"Das kann man so nicht sagen. Ältere kommen mit ihren alten liebgewordenen Gegenständen wie Möbeln, Schmuck, alten Transistorradios, Gebrauchsgegenständen wie Küchenmaschinen, etc. Beim jüngeren Publikum handelt es sich dabei oft um Smartphones, Flachbildschirmen usw."

Themen wie eine ökologische Lebensweise und Nachhaltigkeit scheinen die heutigen 30-Jährigen wieder mehr anzugehen. Spiegelt sich dieser Eindruck auch in Ihrem Besucherkreis wieder?
"Befasst man sich mit dem Thema 'Repair Café' und lernt Menschen aus anderen Nachhaltikeitsinitiativen kennen, kommt das Gefühl auf, dass sich immer mehr Leute für die Thematik interessieren. Dieser Eindruck wird bei einem Besuch in den Einkaufsmeilen aber schnell wieder zunichte gemacht. In der Gesamtzahl sind es weiterhin wenige, die ihre Lebensweise tatsächlich hinsichtich einer zukunftsfähigen Welt verändern wollen. Aber ja, es gibt immer mehr Menschen, die sich über die Art und Weise der Produktion ärgern und nicht mehr selbstverständlich zum immer Neuen greifen. Allerdings bemerke ich gerne noch eines: Gerade im Smartphone-Sektor gibt es mittlerweile interessante Ausweichprodukte wie zum Beispiel das Fairphone. Dazu gehen meines Erachtens noch viel zu wenige über."

So gesellig kann Reparieren sein

In einer Zeit, in der wir manchmal nicht mal mehr die Menschen kennen, die Wand an Wand mit uns leben, fördern Sie mit Ihrem lokalen Café das Nachbarschaftsgefühl. Wie viele kommen, weil sie sich nach mehr "echtem" menschlichem Kontakt im Alltag sehnen?
"Es kommen vor allem ältere Menschen aus dem Stadtviertel vorbei, die einfach einen Kaffee trinken wollen und ein bisschen Gesellschaft genießen. Es sind aber auch gerade die Leute aus dem Repair-Café-Team, die die Möglichkeit nutzen, gemeinsam mit anderen sinnvoll die Zeit zu gestalten. Es ist aber festzustellen, dass, wer einmal im Repair Café war, gerne wieder kommt – mal mit, mal ohne zu reparierendes Projekt. Manche sagen auch, sie gehen mal Heim und suchen etwas, das repariert werden kann, um bald wieder zu kommen. Ganz wichtig: Wir reparieren nicht für die Gäste, sondern geben Anleitung zum Reparieren. Daran finden viele Freude und entdecken, dass es manchmal gar nicht so schwer ist, Hand anzulegen!"

Wie macht Reparieren glücklich?

Sie selbst sagen, dass Zufriedenheit mit der größte Lohn im Repair Café ist. Was war denn Ihr persönlich schönstes Reparatur-Erlebnis seit der Gründung?
"Jeder reparierte Gegenstand ist für beide Beteiligten, unsere Gäste sowie den betreuenden Experten eine große Freude. Ich erinnere mich an einen riesigen Sonnenschirm, den der Gast – eine Dame im mittleren Alter – mit wenigen Handgriffen wieder flott gemacht hat. Für mich gab es bei der letzten Veranstaltung ein tolles Erlebnis: Ein Wasserkocher der den Eindruck machte, nicht mehr zu retten zu sein, funktionierte, nachdem ein Teil unnötiger Elektronik ausgebaut wurde, wieder einwandfrei. Er wurde dann mit einem abgeschnittenen Streichholz als An-/Ausschalter bedient, anstelle eines leuchtenden Schalters. Ich erinnere mich auch an eine Jukebox, bei der die Reparatur aber nicht gelang."

Und was wird am meisten repariert?
"Wir haben kein internes Ranking. Es geht aber eindeutig in die Richtung Unterhaltungselektronik und vor allem Smartphones."

Und jetzt sind Sie dran!

DIY: Das Fahrrad wieder fit machen

Mehr Licht

Verkabelung der hinteren Farradbeleuchtung erneuern

Singlespeeder und Fixies brauchen kein Licht, alle anderen schon. Ein Schutzblech schützt zwar, ist aber heute nicht mehr aus Blech. Deshalb wird für eine schicke Verkleidung der Rücklichter das hintere Schutzblech aus stromführendem Kunstoff hergestellt. Im Laufe der Zeit geht durch Materialermüdung die stromleitende Funktion verloren und das Rücklicht fällt aus. Die hintere Beleuchtung braucht dann eine neue Verkabelung.

1. Zu allererst die zu ersetzende Kabelstrecke abmessen und ein neues Kabel in dieser Länge abschneiden. An beiden Enden das Kabel 1-2 cm abisolieren und verzinnen. Das Kabel vom Kontakt am hinteren Schutzblech trennen und ebenfalls 1-2 cm abisolieren und verzinnen. Nun die beiden Kabelenden miteinander verlöten. Mit etwas Isolierband oder einem passenden Stück Schrumpfschlauch die Kabelverbindung schützen

2. Jetzt das Kabel mit dem Klebeband entlang des hinteren Schutzblechs befestigen.

3. Für den Anschluss an das Rücklicht, je nach Bauart, entweder die bestehende Kabelzuführung verwenden und daran das neue Kabel anlöten oder das Rücklicht öffnen und das Kabel an den Kontakt anschließen.

Buchtipp "Repair Café"

Buchtipp

Viele Reparaturen, die auswärts mit Zeit und Geld verbunden wären, können wir auch selbst durchführen – wenn uns jemand erklärt, wie's geht! Hier setzt "Repair Café", das DIY-Buch zum gleichnamigen Stuttgarter Projekt an. Auf 128 Seiten zeigen Bastelprofis Step by Step, wie Sie zum Beispiel einen Reißverschluss austauschen, eine Schublade fixen, eine Digitalkamera durchchecken oder einen Regenschirm wieder hinbekommen können. Praktisch und nachhaltig! (Sylvia Keck, Mario Schneider, Ausilio Sturiale, Tobias Koßbiel, Johanna Hochrein, Julia Bischoff: "Repair Café", 17,99 Euro über Frechverlag)


© Fotos: lichtpunkt, Michael Ruder (Teamfotos), Julia Bischoff (Fahrradlicht), frechverlag GmbH (Cover)


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